Zunächst: Allerliebste Grüße an meinen Mathelehrer, Herrn O. Der weiß bis heute nicht, dass ich am 1. Oktober 2003 nicht krank in Berlin-Zehlendorf im Bett lag, sondern durchs Stuttgarter Stadion flog, als Kevin Kurányi den Ball zum 2:0 ins Tor hob. Warum meine Mutter, Lehrerin, und mein Vater, Psychologe, mir damals erlaubten, die Matheklausur zu schwänzen? Weiß man nicht genau. Vielleicht, weil sie ahnten, dass ein Champions-League-Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und den Übermächtigen aus Manchester wertvoller für meine Charakterbildung werden würde als die Sinusfunktion.

Stuttgart-Fan in Berlin? Ich musste mir schnell einen Satz zurechtlegen, so oft wurde mir diese Frage gestellt. Der Spruch ist bis heute stabil: "Weil man Mitte der Neunzigerjahre kein Hertha-Fan sein konnte: Zweite Liga und zu viele Nazis!" Das klang selbstbewusst, sogar ein kleines bisschen politisch. Dass ich mich Mitte der Neunziger, als es in der Grundschule darum ging, einen Verein zu wählen, dann ausgerechnet dem VfB Stuttgart anschloss – nun, als Grundschüler ist dir die Logik nicht immer treu. Die anderen wählten Bayern, Bremen, Dortmund. Fußball bedeute für mich also vor allem: Alleingang. Ich gegen den Rest der Welt, so fühlte es sich zumindest an. Allein den Kicker lesen, allein Inforadio hören, allein auswerten, triumphieren und ärgern. Später auch allein nach Stuttgart fahren. Welch Drama!

Soccer ist die Abkürzung von Association, also Gemeinschaft

Fußball als Alleingang. Die meisten Fans werden ihren Zugang zu diesem Sport wohl anders definieren. Über die Gruppe, über das Gemeinschaftsgefühl. Wie der britische Philosoph Simon Critchley, der in seinem neuen Buch What We Think About When We Think About Soccer allerdings noch einen Schritt weiter geht. "Man könnte sagen, dass der Sozialismus die politische Form des Fußballs ist", schreibt Critchley und kommt auf diesen Gedanken im Laufe der rund 200 Seiten immer wieder zurück. "Das Teilen dieser Momente ermöglicht eine Zusammengehörigkeit der Fans, durch die sie zu einem Kollektiv, zu einer tief empfundenen Gemeinschaft werden", heißt es später.

Es passt gut, dass Critchleys Buch in seinem Geburtsland das Wort Football, und in seiner Wahlheimat USA das Wort Soccer im Titel trägt. So kann er gleich zu Beginn ein weitverbreitetes Klischee beerdigen. Soccer nämlich sei keineswegs ein Amerikanismus, erklärt der Autor, es war bis in die Siebziger auch der gebräuchliche Begriff der Engländer. Dass Soccer für Critchley der "perfekt würdevolle Name für dieses Spiel" sei, liege allerdings nicht nur an der Historie des Begriffes, sondern primär an seiner Bedeutung: Soccer ist die Abkürzung von Association, auf deutsch Gemeinschaft oder Gesellschaft. Und genau darum geht es Critchley.

Critchley, der in New York City lebt, dort an der New School lehrt und unter anderem für das Philosophieblog The Stone der New York Times schreibt, ist nicht der Erste, der sich dem Thema intellektuell nähert. Spätestens Nick Hornby machte das Schreiben über Fußball mit Fever Pitch im Jahr 1992 salonfähig. Zwei Jahre später veröffentlichte der Journalist Simon Kuper seine Reportagensammlung unter dem Titel Football Against the Enemy, für manche bis heute die beste Fußballabhandlung überhaupt. Auch die historischen Bücher des Soziologen David Goldblatt haben geholfen, Fußballkultur zu verstehen, genau wie A Philosophy of Sport des Literaturprofessors Simon Connor.

Warum eigentlich Fußball?

Critchley bezieht sich zwar auf diese Bücher, allerdings nur oberflächlich, eher pflichtbewusst. Wichtiger scheint ihm der Verweis auf einen Kollegen zu sein, den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, der ja schon vor 50 Jahren Fußball als Beispiel für das Funktionieren einer Organisation nannte. "Das Individuum überschreitet sein gemeinsames Sein, um es zu verwirklichen; man ist nicht Tormann oder Läufer wie man Lohnarbeiter ist", schrieb Sartre in seiner Kritik der dialektischen Vernunft. Es ist und bleibt einer der Lieblingssätze der Fußballintellektuellen.

What We Think About When We Think About Soccer ist kein Manifest, auch keine "Philosophie des Fußballs", darauf legt Critchley Wert. Sein Buch ist vielmehr eine Collage aus Anekdoten, Gedanken, Beobachtungen und Minitheorien. Letztlich versucht Critchley zu verstehen, was wohl die meisten Fußballfans schon einmal versucht haben zu verstehen: Was macht diese Faszination aus? Für einen selbst. Und für die Welt. Worum geht es hier eigentlich? Gemeinschaft allein kann es ja nicht sein, die bietet auch Wasserball oder eine schwüle Sommer-U-Bahn oder das Zahnarztwartezimmer – allesamt Dinge, die eher unbeliebter sind als Fußball. Verraten sei: Critchley löst das Rätsel nicht abschließend. Kann er auch gar nicht.