Kommerzialisierung, Korruption, Nationalismus, Männerstolz, Gewalt. Critchley ist sich der Schattenseiten des Fußballs bewusst, so wie er auch den Widerspruch von kapitalistischer Fußballindustrie und Sozialismusidee benennt. Er streift diese Themen, doch entfernt sich dann schnell wieder. "Ich will mich auf die Freude und das Poetische am Fußball konzentrieren." Was den Philosophieprofessor auf seinem kurzweiligen Ritt durch den Fußballkosmos am meisten interessiert, ist die Dialektik zwischen Individuen und Gruppe. Zwischen einzelnen Spielern und der Mannschaft, zwischen Mannschaft und einzelnen Fans, zwischen einzelnen Spielern und der Masse der Fans.

Critchley – leidenschaftlicher Fan des legendären FC Liverpool; weshalb Jürgen Klopp auch ein eigenes Kapitel abbekommen hat – nimmt sich selbst zum Gegenstand der Untersuchung. Er beschreibt, wie er sich während der 90 Minuten verliert, wie er sich "der Gegenwart fügt". Er spricht von "Hyperrealität, "sinnlicher Ekstase", "ängstlich-gebannter Ruhe", dem "hypnotischen Effekt des Fangesangs" und der "ewigen Erneuerung der Hoffnung". Ja, er gefällt sich als Fan schon ganz gut.

Die Stupidität des Fanseins

Doch der Fan allein ist nichts, so wie der Fußball ohne Fans nichts wäre. "Die Spieler spielen, aber nur die Fans sehen das ganze Bild", konstatiert Critchley, der an mancher Stelle nicht ohne Kitsch auskommt. So spricht er vom "Ballett der Arbeiterklasse", ganz Sozialismussprech. Beim Fußball habe jeder das Recht sich zu äußern, meint Critchley. Solidarität, "You’ll Never Walk Alone" und so weiter.

Critchley hat Bücher über Jacques Derrida und David Bowie veröffentlicht, in The Book of Dead Philosophers widmet er sich dem Ableben berühmter Denker. Doch seine größte Leidenschaft ist und bleibt dieser Sport, insbesondere sein FC Liverpool, über den er rührend schreibt: "Die brauchen mich doch irgendwie." Am sympathischsten ist das Buch durch die betonte Widersprüchlichkeit. An einer Stelle behauptet Critchley, dass Fußball zeigen könne, "was es heißt, ein Mensch in dieser Welt zu sein". An anderer Stelle betont er die Stupidität des Fanseins. Und genau hier werden sich die meisten Fans wiederfinden: Im Schwanken zwischen Schwere und Leichtigkeit, zwischen Hyperbel und Belanglosigkeit.

"Teil der enormen Anziehungskraft dieses Spiels ist unsere volle Bereitschaft sich einer Sache zu unterwerfen, die so dumm ist", schreibt Critchley. Wer das Stadion betritt, verlasse die "Welt der Zwecke" und öffne sich einem Glauben an Märchen und Utopismus. Doch nicht falsch verstehen: Critchley hält den Durchschnittsfan weder für naiv noch dumm, im Gegenteil, er betont die Intelligenz und Fachkompetenz vieler Zuschauer. Critchley geht es um das Selbstbewusstsein, ja, um den Genuss der Faszination für etwas so Banales. Es überrascht fast, dass er zwar Friedrich Nietzsche an einigen Stellen zitiert, aber nicht dessen einen Aphorismus hervorkramt, der so passend ist: "Reife des Mannes: Das heißt, den Ernst wiedergefunden zu haben, den man als Kind hatte, beim Spiel", schrieb Nietzsche Ende des 19. Jahrhunderts.

Ich habe die selbst gewählte Fußballisolation irgendwann gelockert, bin mit Freunden zu Auswärtsspielen gefahren, nach Cottbus, Barcelona, Dortmund, habe Samstage in knüppelvollen Kneipen verbracht, zusammen geflucht und verdammt. Bis heute schaue ich jedes Spiel des VfB Stuttgart, auch wenn ich dafür in New York am Samstag um 7.30 Uhr aufstehen muss. Doch während meine Leidenschaft für den VfB konstant blieb, begann meine Begeisterung für das Spiel etwas zu schwinden. Wenn ich Simon Critchleys Buchtitel zur persönlichen Frage umformuliere – woran denke ich, wenn ich an Fußball denke? – ist meine Antwort klar: Stuttgart interessiert mich mehr als Fußball. Was lief beim letzten Spiel falsch? Wer ist verletzt? Wie viele Punkte bis Platz 6? Das sind meine Fragen, Nerdtum in Blüte, ich genieße es, das Aufgehen im Profanen.

Und manchmal macht es mir Angst: Ich identifiziere mich mit einer Organisation, und der Erfolg ist mir wichtiger als das Spiel. Form ohne Inhalt. Es ist die Pervertierung vom Sozialismus, wenn man so will.