Auf YouTube wurde das Video von mehr als 2,1 Millionen Usern besucht. Der Auftritt von Giovanni Trapattoni am 10. März 1998 wurde Kult. In seinem Kauderwelsch aus Deutsch, Italienisch und neuen Wortkreationen erlangte der Dreieinhalb-Minuten-Auftritt des italienischen Trainers  nationale Bedeutung. Der Südwestfunk Baden-Baden sendete einen Trap-Rap, in der Harald-Schmidt-Show wurden die Trap-Worte zu einem Running Gag. Auch Politiker benutzten fortan Trap-Worte wie "schwach wie Flasche leer" oder "ich habe fertig". T-Shirts wurden bedruckt, Postkarten aufgelegt, Kaffeetassen verkauft. Fast 20 Jahre später beschäftigt der italienische Gefühlsausbruch noch immer Sprachforscherinnen und -forscher.

Frage: Herr Prof. Dr. Schulze, in welcher Stimmungslage befand sich Giovanni Trapattoni  an  jenem  10.  März  1998  –  zwei  Tage  nach der 0:1-Niederlage gegen den FC Schalke 04?

Wolfgang Schulze: Aus dem Text der dreieinhalb Minuten dauernden Ansprache heraus wird deutlich, dass sich Trapattoni in einem sehr erregten Zustand befand. Die meisten Passagen beinhalten keinen sachlichen Bericht zu einem Fußballspiel, sondern sind stark expressiv gehaltene Äußerungen, gekennzeichnet durch Exklamationen, Ausrufe und rhetorische Fragen. Besonders hervorstechend ist der Gebrauch des sehr emphatischen Pronomens "dieser": Trapattoni verwendet es fast ausschließlich  mit  "Spieler" (neunmal), daneben mit "Mannschaft", "Spiel" und "Verein". Zugleich verwendet Trapattoni elfmal das Pronomen "ich", was die ganze Ansprache ausrichtet auf die persönliche Haltung des Sprechers. Die Tatsache, dass Trapattoni in sehr kurzen, oftmals  unvollständigen Sätzen spricht, gepaart mit Ausrufen und logischen Brüchen, verdeutlicht ebenfalls den  sehr erregten Zustand des Sprechers.

Frage: Wir erlebten alle also einen hochemotionalen Trainer?

Schulze: Ja, die Zahl der bedeutungstragenden Wörter, die Trapattoni in seiner Rede verwendet, ist relativ gering, was darauf hindeutet, dass er zum Zeitpunkt seiner Rede nur eine recht begrenzte Zahl von Vorstellungen vor Augen hatte, die er sprachlich zum Ausdruck bringen wollte. In der Tat sind von den insgesamt 335 Wörtern der Ansprache nahezu die Hälfte (166) rein grammatische Wörter, die wenig zum Inhalt beitragen. Der Rest verteilt sich auf Namen (20), 23 Verben (46-mal gebraucht), 32 Substantive (65-mal gebraucht), und 17 Adjektive (29-mal gebraucht). Achtmal werden konkrete Zahlen genannt. Eine derartige Verteilung ist typisch für Ansprachen, die nicht auf die ausführlichere Darstellung von Fakten oder Ereignissen und deren Bewertung abzielen: Vielmehr zeugt sie von einem auf ein gerade gegebenes Ereignis fokussierten Blick, der hochgradig emotional gesteuert wird. Seine volle Wirkung erzielt die Rede natürlich erst im Ganzen, das heißt unter Einschluss von Tonfall, Mimik und Gestik. Trapattoni steigert sich nach und nach in eine hoch emotionale, fast aggressive Diktion, die mit ihren rhetorisch wohl gesetzten Pausen und mit Trapattonis Körpersprache dennoch in gewissem Sinn kontrolliert erscheint und auch Modellen italienischer öffentlicher Rhetorik zu folgen scheint.

Frage: Was sagt die Rede über die Beziehung von Trapattoni zu seiner Mannschaft aus?

Schulze: Auffällig  ist, dass Trapattoni 13-mal nur von "Spieler" spricht, meist in Verbindung mit dem leicht abwertenden "diese". Dies zeugt von einer distanzierten Haltung den einzelnen Mitgliedern der  Mannschaft gegenüber, die quasi entnamt werden und nur als anonyme Teile einer Gruppe angesprochen  werden. Zweifelsohne spricht hieraus eine starke Enttäuschung über das Verhalten dieser Spieler. So verabschiedet sich Trapattoni in gewissem Sinn von seiner Rolle als "Vater diese[r] Spieler", was nahelegt, dass sich Trapattoni persönlich verletzt und angriffen sah.