Das größte Problem des Dopings ist wohl das: Es findet hinter verschlossenen Türen statt, bleibt etwas Abstraktes, Verborgenes. Der Sportfan kann es nicht sehen, hören oder riechen. Weshalb er im Zweifel eben immer noch zuschaut bei Olympischen Spielen wie gerade in Pyeongchang und hofft, dass schon alles nicht so schlimm ist und am Ende irgendwie doch die sauberen Sportler gewinnen.

Wer den Dokumentarfilm Icarus schaut, und das sollte jeder Sportinteressierte, wird vielleicht umdenken. "Sie dopen alle. Jeder Einzelne", sagt der langjährige Leiter eines Anti-Doping-Labors nach wenigen Minuten. Doch das ist nicht die stärkste Botschaft des Films. Er macht Doping greifbar und menschlich. So viele Spritzen werden in die Haut gestochen in diesen zwei Stunden, so viele Becher voll Urin durchs Bild geschüttelt, man fühlt sich fast selbst überführt. Vor allem aber schafft es der Film, aus Doping einen Thriller zu machen, weil er die Geschichte von Dr. Grigori Rodschenkow erzählt. Rein zufällig.

Löcher in Laborwänden

Eigentlich wollte der Regisseur Bryan Fogel nur zeigen, wie einfach das Anti-Doping-System zu umgehen ist. Fogel ist ambitionierter Amateur-Rennradfahrer. Sein einstiges Vorbild Lance Armstrong flog nicht durch Dopingtests auf, sondern weil Kollegen gegen ihn ausgesagt hatten. Fogel wollte sich von einem Wissenschaftler ein Dopingprogramm zusammenstellen lassen, mit dem er beim härtesten Amateurrennen der Welt weit vorne landet und alle Doping-Kontrollen besteht. Der Leiter des Labors in Los Angeles fürchtete jedoch um seinen Ruf und winkte ab, verwies aber auf Grigori Rodschenkow, den Chef des Anti-Doping-Labors in Moskau, einen international hoch angesehenen Experten. Vogel hat das, was man unter Journalisten und Filmemachern Reporterglück nennt.

Grigori Rodschenkow nämlich sollte schon bald im Zentrum eines der größten Dopingskandale der Sportgeschichte stehen. Mindestens 1.000 russische Sportler waren von 2011 bis 2015 Teil einer groß angelegten staatlichen Dopingpolitik. Während der Olympischen Spiele in Sotschi manipulierten Rodschenkow und sein Team die Proben russischer Sportlerinnen und Sportler. Es gab Löcher in Laborwänden, ein aufwändiges System vertauschter Röhrchen und Proben, die in Taschen verschwanden und nie wieder auftauchten. Heute ist Rodschenkow in den USA in einem Zeugenschutzprogramm.

Davon ahnen Fogel und Rodschenkow bei ihrem ersten Skype-Gespräch nichts. Der Russe telefoniert mit freiem Oberkörper und fragt, ob Fogels Hund kastriert sei. Mit seinem grauen Haar, Schnauzer und der großen Brille würde er jedes Casting für die Rolle eines verrückten Professors mit Bravour bestehen.

Spaß am Schmuggel

Rodschenkow hilft Fogel also beim Dopen und hat während eines Besuchs in LA sichtlich Spaß daran, für Fogel Röhrchen voller Urin abzufüllen, die er dann selbst in seinem Gepäck schmuggelt, um sie in seinem eigenen Labor zu testen. Der Mann, der eigentlich Doping aufklären soll, spornt seinen neuen Freund noch an, und hat stets einen Spruch auf den Lippen. "Ich bin ein Mafiosi", haucht er im Film verschwörerisch.

Ein paar Monate später steht Rodschenkow in einer Wohnung in den USA. In den Nachrichten wird der Herztod von Nikita Kamaew vermeldet, dem Leiter der russischen Anti-Doping-Agentur, einem Freund Rodschenkows. Der kann es nicht glauben und fürchtet nun auch um sein Leben. "Bryan, wir spielen das gefährlichste Spiel der Sportgeschichte", sagt er.