Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll nach so einem Tag im Berliner Kühlhaus. Kühl ist hier nichts mehr. Die vierte Runde des Kandidatenturniers ist noch heißer, als es die dritte war. Hier gibt es kein blutleeres Remis-Geschiebe, hier fliegen die Fetzen. Als Alexander Grischtschuk nach seiner tumultuösen Partie mit Ding Liren vor die Kameras tritt, sieht er im grellen Licht der Monitore für Sekunden aus wie ein Boxer, der gerade aus dem Ring gewankt kommt. Die Augen geweitet, die Höhlen gerötet, der Blick erschöpft. Es ist ja auch der Wahnsinn gewesen. Gleich in der Eröffnung bei vollem Brett und verschachtelter Stellung hat der Russe mit Weiß dem Chinesen einen Springer in die Königsstellung geknallt. Weg mit dem Bauern da, Opfer auf f7!

Der Springer frisst den Bauern, der König den Springer, und das Schachvolk auf den Rängen jauchzt: f7, das mythische Feld! Das einzige Feld im schwarzen Lager, das in der Grundstellung nur vom König bewacht wird. Die Achillesferse. Opfer auf f7, das ist wie die Tür zum Palast einrammen, und der entblößte Monarch flieht um sein Leben.

Jahrhundertelang flogen die Figuren auf f7 nur so rein, inklusive Königsjagd und Mattgemetzel. Dann kam irgendjemand auf die Idee, dass man sich vor so was ja auch schützen kann mit einer gut ausgebildeten Palastwache. Dass man ja nicht immer nur angreifen muss, sondern sich auch mal verteidigen kann. Und siehe da: Vorbei war es mit der Hackerei.

Weißt du noch, damals, die FAZ? © Screenshot FAZ

Das hat den Reiz des Opfers auf f7 nur noch erhöht. Kostbarkeit durch Seltenheit. Als der Bulgare Wesselin Topalow den Russen Wladimir Kramnik im Jahr 2008 einmal damit schlug, zeigte die Frankfurter Allgemeine das Diagramm auf ihrer Titelseite. Schachspieler erzählen sich heute noch davon. Weißt du noch, damals, die FAZ, auf Seite 1?

Grischtschuk und Ding verlängern das romantische Schlacht-Schach in die Gegenwart, die Figuren beider Lager übers Brett versprengt, der weiße König in seiner Ecke, aber keinesfalls in Sicherheit; der schwarze König in einem Figurengewimmel in der Mitte.

Die Partie Gritschtschuk gegen Ding zum Durchklicken

Die einst weltstärkste Schachspielerin, Judit Polgár aus Ungarn, und Lawrence Trent, ihr meisterliches Gegenüber aus Großbritannien, sitzen im fünften Stock des Kühlhauses und untersuchen in ihrem Livekommentar fürs Internet Variante um Variante. Meist kommen sie nur zu der Erkenntnis, dass sie keine Ahnung haben, was da gespielt wird.