Vor dem Kühlhaus in der Luckenwalder Straße am Gleisdreieck stehen die Fans am Samstagnachmittag um kurz vor drei in kleinen Gruppen und sind im Gespräch noch bei der Runde vom Vortag. Manche waren bis abends um zehn dabei gewesen, bis Ding Liren und Alexander Grischtschuk schließlich Remis gemacht hatten. Ihre Partie war vielleicht die aufregendste bisher gewesen.

Der Chinese opfert zwei Bauern, um den gegnerischen König im Zentrum freizulegen und mattzusetzen. Der Russe steht komplett auf Verlust. Er spielt aber weiter, vielleicht weil seine Bedenkzeit bis auf wenige Sekunden abgelaufen ist und er nicht einmal mehr die Zeit hat, übers Aufgeben nachzudenken.

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Im 28. Zug kann Ding es klarmachen, könnte er es klarmachen. Ein Springerzug auf die Grundreihe, der die schwarzen Verteidigungslinien unterbricht und dann sofortiges Matt oder furchtbarer Materialverlust. Aber Ding sieht den Zug nicht, er macht einen anderen. Und nun zündet Grischtschuk ein Feuerwerk, Ding kann da nicht zurückstehen. Figuren fliegen hin und her; ein Springer wird geopfert, aber nicht genommen; ein Turm opfert sich gegen einen Springer und einen Bauern und wird genommen; ein Läufer wird geopfert und nicht genommen; ein Springer opfert sich mit Schach und wird nicht genommen; ein Angriff auf die Dame wird mit einem Gegenangriff auf die andere Dame beantwortet. Plötzlich ist das Schachbrett Schauplatz eines irren Actionfilms mit sich überschlagenden Autos und brennenden Hubschraubern.

Als die Zeitkontrolle im 40. Zug überstanden ist und der Rauch sich verzieht, hat Grischtschuk aus der verlorenen Stellung eine gemacht, die er halten kann. Remis im 96. Zug, nach sieben Stunden.

Ein unerwarteter Twist

Die Fans sind noch ganz erfüllt von dieser Wendung in letzter Sekunde gegen jede Wahrscheinlichkeit. Schach ist eben nicht nur das kraftvolle Vollstrecken nach konsequenter Vorbereitung. Es ist auch das wundersame Entschlüpfen aus absolut hoffnungsloser Position. Das Remis am Ende stört niemanden. Es war ja alles da: Angriff, Opfer, Tempo, Wahnsinn und ungläubiges Kopfschütteln. Wie die Akteure wohl geschlafen haben?

Nun aber schnell ins Kühlhaus zur zwölften Runde, bevor es zu spät ist. Der Samstag ist ausverkauft, Hunderte auf fünf Etagen, vom Schachfieber ergriffen, jener freudigen Erregung, die durch das stundenlange, stilles Grübeln der Akteure ausgelöst wird.

Der Tag bringt einen Twist, den niemand erwartet hat. Der Spitzenreiter Fabiano Caruana spielt gegen Sergej Karjakin, der ihn beim letzten Kandidatenturnier 2016 in Moskau in der letzten Runde ausgeschaltet hatte und danach den Weltmeister Magnus Carlsen herausfordern durfte. Damals hätte Caruana mit Schwarz gewinnen müssen und verlor. Jetzt muss er – wieder mit Schwarz – nur ein Remis erzielen, um vorn zu bleiben.

Es fängt gut an für Caruana, der Amerikaner kann die Russische Verteidigung aufs Brett bringen, eine solide Wahl, wenn ein Unentschieden reicht. Aber sein russisches Gegenüber hat ein paar kleine Ideen dazu, wie er das Spiel am Laufen halten kann.