Acht Großmeister konkurrieren in Berlin um das Recht, den Weltmeister herausfordern zu dürfen, und deshalb geht es ihnen nur um den ersten Platz. Der bitterste Platz, den man im Kandidatenturnier erzielen kann, ist der zweite. Die Kommentatoren, Berichterstatter und Schachtouristen im Kühlhaus am Gleisdreieck rufen sich diese Besonderheit seit zweieinhalb Wochen immer wieder in Erinnerung. Gewiss ist nicht zuletzt durch diese Beschwörung die Vorstellung entstanden, es würde am Ende einen klaren Sieger geben.

Lange sah es auch danach aus. Der Amerikaner Fabiano Caruana lag seit der vierten Runde in Führung, knapp verfolgt von dem Aserbaidschaner Schachrijar Mamedjarow. Mit dem russischen Vizeweltmeister Sergej Karjakin war nach dessen furchtbarem Start kaum noch zu rechnen gewesen. Er spielte sich dann aber nach und nach, fast unbemerkt, wieder nach oben. In der alles umstürzenden zwölften Runde schlug er Caruana und setzte sich an die Spitze; zudem kassierte der Zweitplatzierte Mamedjarow seine erste Niederlage, ausgerechnet gegen den Chinesen Ding Liren, der nach elf Remisen nun auch noch eine Chance bekam.

Der Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik verspielt sich

Plötzlich war das Turnier weit offen – wenn auch nicht für die anfangs von vielen favorisierten Großmeister Wladimir Kramnik und Lewon Aronjan: Der russische Ex-Weltmeister hatte grandios gespielt und verspielt; der kreative Armenier war unter der Last der Vorschusslorbeeren zusammengebrochen.

Zu Beginn der 13. Runde am Montag kommen also noch Karjakin, Caruana, Mamedjarow, Ding und sogar der russische Premiumzocker Alexander Grischtschuk für den Gesamtsieg infrage. Welche Strategie würden die fünf in der vorletzten Runde wählen, um sich für die Endrunde optimal aufzustellen?

Karjakin spielt gegen den glücklosen und von Tag zu Tag einsamer wirkenden US-Filipino Wesley So. Karjakin ist aber zu erfahren, um mit Schwarz ein unnötiges Risiko einzugehen. Bereitwillig spielt er eine Variante der Nimzo-Indischen Verteidigung, in der binnen weniger Züge die Damen und viele Figuren abgetauscht werden. Zurück bleibt eine symmetrische Bauernstruktur. Das Publikum versteht sofort: Hier sucht niemand den Kampf, So schon gar nicht. Remis also.

Auf der sich anschließenden Pressekonferenz erkundigt sich So vor vollem Saal bei Karjakin, wen er denn als Sekundanten mit in Berlin hätte? Die Schachexperten trauen ihren Ohren nicht. Hätte er das nicht vorher wissen müssen und wissen können, um sich anhand der Sekundanten ein besseres Bild seines Konkurrenten zu machen? Und der will Weltmeister werden – mit dieser Naivität?

Karjakin kann das weitere Geschehen nicht allein bestimmen. Er hat pragmatisch entschieden, seine Kräfte für die letzte Runde aufzusparen, und er hat fast einen ganzen Tag für die Eröffnungsvorbereitung gewonnen. Am Dienstag – mit Weiß – wird er dem resistenten Chinesen ordentlich zusetzen.