Es flutscht nicht so – Seite 1

Schachspieler müssen nicht nur ziehen, sie müssen auch mal. Da gibt es am Samstag zu Beginn des Berliner Kandidatenturniers im Kühlhaus am Gleisdreieck Probleme. Mehrere Großmeister beklagen sich über die Toiletten hinter der Bühne. Es flutscht nicht so. Vielleicht sollten sie Isklar zur Hilfe nehmen, das Gletscherwasser, für das Magnus Carlsen Werbung macht. In blauen Fläschchen steht es überall herum und erinnert in Carlsens Abwesenheit daran, um was es hier geht: Schachweltmeister anstelle des Schachweltmeisters zu werden. Und dazu heißt es zunächst, das Kandidatenturnier zu gewinnen.

Acht Konkurrenten, vier Bretter. Die Tische sind durch Leichtbauwände getrennt, eine gevierteilte Arena ganz in Schwarz, welche das zu Hunderten erschienene Publikum von Balkonen in den oberen Etagen aus einsehen kann. Spieler und Publikum sind umfasst von rohem, fensterlosem Mauerwerk; es ist laut, es hallt und es ist alles sehr dunkel. Die Gestaltung mag ungewöhnlich und ambitioniert sein, ihre Güte ist fraglich: Braucht Schach nicht vor allem Ruhe und Licht?

Normal ist das nicht

Der armenische Staatspräsident Sersch Sargsjan fährt kurz vor drei mit Motorradeskorte und Blaulicht am Kühlhaus vor, um am Brett des Armeniers Lewon Aronjan den ersten Zug auszuführen. Die Blitzlichter zucken. Schach ist in Armenien Nationalsport und Schulfach, Aronjan ein Held. Wenn er jetzt noch Carlsen entthronte! Der Präsident weiß, wie es geht, hat seinen Tipp bei der Eröffnungsgala am Abend zuvor allerdings gleich allen Spielern verraten: "Wenn du einen guten Zug siehst, suche nach einem besseren!" Der Deutsche Emanuel Lasker habe das gesagt, und der sei immerhin 27 Jahre Weltmeister gewesen.

Aronjan tritt an gegen Ding Liren, den ersten Chinesen je in einem Kandidatenturnier. Aronjan ist ein Mann von Welt Mitte dreißig, Ding ein zehn Jahre jüngerer Hänfling in einem weißen Hemd, unter dem sein Leib kaum zu ahnen ist. Es sieht nach einem ungleichen Kampf aus. Die ersten Züge fliegen hin und her; wochenlang haben die Meister sich auf diesen Moment vorbereiten können.

Im achten Zug stößt Aronjan, der für seine Eröffnungsideen gefürchtet ist, auf dem Königsflügel seinen weißen Randbauern vor, der schwarzen Dame entgegen, die sich vors Haus gewagt hat. Ding hält inne und beginnt zu grübeln. Normal ist das nicht. Er blinzelt und beißt sich auf die Lippen. Die Minuten verfließen. Er ist "aus dem Buch", wie die Schachspieler sagen, wiewohl sie zur Vorbereitung längst keine Bücher mehr lesen, sondern ihre Computer befragen. Später wird er  sagen, der Zug sei ein "Schock" gewesen.

Die Partie Aronjan gegen Ding zum Durchklicken

Aronjan jagt die gegnerische Dame quer übers Brett, bis sie in der Abseite steht und nur noch das Plätzchen hat, auf dem sie steht. Gleich droht er sie zu schlagen …

Unter den vier Partien des Tages ist es diese, die zunächst alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wird der Armenier einen Start-Ziel-Sieg hinlegen? Der Präsident mit seiner flackernden Eskorte ein paar Runden ums Brandenburger Tor drehen?

Verwegene Vorstöße auf beiden Außenflügeln

Nun, zum Schach gehören immer zwei, und jetzt beginnt der Chinese dem staunenden Publikum zu zeigen, was er kann. Von Zug zu Zug wird die Stellung unübersichtlicher. Ding ist ein grandioser Taktiker. Die Dame ist bedroht, ja, aber in den Varianten, über welche die Spieler am Brett und das Publikum auf der Balustrade gleichermaßen nachdenken, sprühen Opferfontänen hoch mit wildem Hin- und Herschlagen und es ist völlig unklar, wie das ausgehen wird. Aronjan hat auf beiden Außenflügeln verwegene Vorstöße unternommen, in der Mitte aber steht sein König eingezwängt zwischen seiner bewegungslosen Entourage.

Ein so plötzlicher wie messerscharfer Angriff

Der coole Aronjan wird unruhig. Er wackelt jetzt fortwährend auf seinem Stuhl hin und her. Ob Ding, vertieft in die Position, das Schwanken seines Gegenübers bemerkt? Aronjan hat gleich die erste Partie gewinnen wollen, aber jetzt will er sie auf gar keinen Fall verlieren. Er flüchtet sich in eine Zugwiederholung, der Ding nicht ausweichen kann. Dreimal dieselben Züge von beiden Seiten: Unentschieden! So sind die Regeln.

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Auf der anschließenden Pressekonferenz gehen die beiden ihre Partie durch und zeigen die atemberaubenden Varianten, die ihnen durch den Sinn gegangen sind. Der sonst so lebhafte Aronjan wirkt geschafft, seine Stimme matt. Ding ist kaum zu verstehen, weil er eh sehr leise spricht und noch dazu ein sehr chinesisches Englisch. Aber sein Strahlen! Er hat Aronjan überlebt.

Die drei anderen Partien des Tages stehen dieser in nichts nach. Sergej Karjakin verliert mit Weiß gegen seinen Freund und ehemaligen WM-Sekundanten, den Aserbaidschaner Schachrijar Mamedjarow, der nun glänzende Perspektiven hat. Das amerikanische Duell kann Fabiano Caruana mit einem so plötzlichen wie messerscharfen Angriff gegen den sonst so sicheren Wesley So für sich entscheiden. Und schließlich findet der Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik die richtige Strategie gegen seinen russischen Landsmann Alexander Grischtschuk. Letzterer neigt zum zeitraubenden Tiefenstudium interessanter Stellungen, und Kramnik liefert ihm welche. Nichts los wirklich, aber viele Feinheiten und Grischtschuks Uhr läuft und läuft. Später, als er keine Zeit mehr hat, verheddert er sich und verliert im Endspiel.

An den Brettern flutscht's!

Unser Reporter Ulrich Stock begleitet für Sie das Kandidatenturnier in Berlin, das vom 10. März an stattfindet, in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Alles zum Turnier finden Sie auf unserer Themenseite. Selbst Schach spielen können Sie hier.