Kramnik, was für ein Name. Jeder Schachspieler kennt ihn. Weltmeister gewesen, danach fast noch stärker geworden, mit 42 Jahren wieder an der Spitze, ein universeller Spieler, taktisch, strategisch, eröffnungstheoretisch eine Klasse für sich. Und jetzt Stargast auf dem Kandidatenturnier.

Der Mann mit dem größten Können und der größten Erfahrung. Der Einzige allerdings, der sich nicht wie die anderen sieben Kandidaten in schweren Kämpfen zur Teilnahme qualifiziert, sondern einfach nur eingeladen wird, um das Feld zu komplettieren.

Die Firma World Chess als Ausrichter darf so eine Wildcard vergeben. An wen, das will gut überlegt sein, schon aus Gründen der Fairness. Als die Wahl auf Kramnik fällt, erhebt sich kein Protest. Eher denkt man darüber nach, wie es wohl wäre, wenn er das Turnier gewönne und somit zum Herausforderer seines Nachnachfolgers würde, eines gewissen Magnus Carlsen. Wer, wenn nicht Kramnik, könnte das bringen?!

Kramnik kommt nach Berlin, tritt selbstbewusst vor Publikum und Presse. Was er für diese Stadt alles getan hat! Die Berliner Mauer erfunden! Und dann holt er in den ersten drei Runden auch gleich zwei Siege, unter ihnen einen, der in die Schachgeschichte eingehen wird, gegen den von vielen favorisierten Armenier Aronjan. Aus der Grundstellung heraus erledigt! Comeback Kramnik. Kramnik Superstar. Macht der Mann das Rennen, vom Start weg ins Ziel?

Runde vier: Kramnik gegen Caruana. Altmeister gegen Jungstar, 17 Jahre mehr Spielerfahrung. Kramnik mit Weiß, sehr früher Damentausch, die Partie plätschert. Kramnik will es wissen, stiftet Verwicklungen, im Nu verschwindet alles Bekannte, Aufruhr auf dem Brett und ums Brett herum. Von den Zuschauern blickt keiner mehr durch. Kramnik hat vier Freibauern, Caruana zwei. Da will man doch kein Remis.

Mangel an Einsicht, Übermut?

Kramnik siegt! Denkt Kramnik. Caruana trickst ihn aus. Kramnik verliert. Nach dem Spiel, bei der gemeinsamen Analyse, spricht er von seinem Sieg, dem eigentlichen Sieg.

Seitdem ist bei ihm nichts mehr, wie es war. Kramnik will es jetzt wissen. Er will jetzt die Siege, die ihm zustehen. Fünfte Runde: Er spielt mit Schwarz gegen Wesley So und spielt und spielt und spielt, weil er das Remis, das auf dem Brett ist, einfach nicht will. Er verwandelt sich in eine Kombination aus Kasparow und Carlsen. Das Schnaufige, Bullerige von Kasparow, das Unendliche von Carlsen: einfach immer weiterspielen, irgendwann wird der andere straucheln und dann Feierabend. Wesley So strauchelt nicht. Die Partie endet remis.

Sechste Runde, Mamedjarow gegen Kramnik. Kramnik steht hinten, gedrückt, kann ein Remis machen, will es ja aber nicht. Kramnik öffnet waghalsig die Stellung. Kramnik verheddert sich. Ist es Mangel an Einsicht, ist es Übermut? Mamedjarow gewinnt.

Pressekonferenz geschwänzt

Siebte Runde: Kramnik gegen Ding. Dem Chinesen wird er's zeigen. Er steht so gut. Das ist total gewonnen. Alles unter Kontrolle. Nach sechsstündigem Ringen: Remis. Bei der Pressekonferenz spricht Kramnik ununterbrochen über seine eigentlich gewonnene Partie. Frage an Ding: Sieht er das auch so? Nein, sagt Ding und lacht auf seine scheue, verwischte Art. Auch das Publikum lacht.

Achte Runde: Grischtschuk gegen Kramnik. Den hat Kramnik in der Hinrunde ja schon umgelegt. Jetzt gleich noch mal! Aber die Stellung gibt nur ein Remis her. Kramnik spielt und spielt und verspielt das Remis und verliert. Nach sieben Stunden tritt er vor die Presse: Eigentlich sei es remis gewesen!

Neunte Runde: Karjakin gegen Kramnik, und gleich im 9. Zug stürmt Karjakin, nach seinem bisherigen Herumgewackle kaum wiederzuerkennen, mit dem Turmbauern los. Als ob er Kramniks Schwäche riecht. Kramnik beginnt sofort einen Gegenangriff, der ohne große Entwicklung die eigene prekäre Stellung öffnet. Egal. Kramnik opfert einen Turm. Und das ist es noch nicht. Kramnik wirft an Material fast alles rein, was er hat. Das Publikum im Kühlhaus und draußen in der Welt an den Bildschirmen sieht es staunend: Das ist doch das reinste Kaffeehausschach!

Im Kaffeehaus gewinnt man mit solch einem Angriff. Kramnik verliert. Zur Pressekonferenz erscheint er nicht, entgegen den Vorschriften und obwohl sich alle schon so auf ihn gefreut haben. Stand er denn nicht besser?

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In der neunten Runde des Kandidatenturniers enden alle anderen Partien remis. Somit steht es nach 9 von 14 Runden:

  • 1. Caruana, 6 Punkte
  • 2. Mamedjarow, 5,5 Punkte
  • 3. Grischtschuk,  5 Punkte
  • 4./5.  Karjakin und Ding, 4,5 Punkte
  • 6./7./8. Kramnik, So und Aronjan 3,5 Punkte

Unser Reporter Ulrich Stock begleitet für Sie das Kandidatenturnier, das vom 10. bis 28. März in Berlin stattfindet, in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Alles zum Turnier finden Sie auf unserer Themenseite.