Nacht für Nacht streifen sie sich das Trikot über. Sie laufen aufs Parkett, spielen Pässe, fangen Bälle, werfen Körbe. Danach Interviews mit der Presse, schließlich kennt sie jedes Kind. Sie verdienen Millionen. Also müssen sie funktionieren. So läuft das in der amerikanischen Profibasketballliga NBA – wie generell im Leistungssport.    

Schwäche zeigen? Das tut ein Profisportler selten. Der deutsche Fußballer Per Mertesacker hat erst kürzlich offen über dieses Thema gesprochen. Auch zwei aktive NBA-Stars haben jetzt mit diesem Tabu gebrochen: DeMar DeRozan von den Toronto Raptors und Kevin Love von den Cleveland Cavaliers.

DeRozan hatte auf Twitter bekanntgegeben, dass er unter einer Depression leidet. "Ich schäme mich nicht dafür", sagt der NBA-Profi in einem Interview. Die Offenheit von DeRozan inspirierte Kevin Love, in einem Beitrag auf The Player's Tribune über seine Panikattacke zu schreiben.

"Es ist schwer zu beschreiben", sagte der NBA-Spieler über den Vorfall, der sich am 5. November während der Partie gegen die Atlanta Hawks ereignete. "Alles drehte sich. Es fühlte sich an, als würde mein Gehirn versuchen, aus meinem Kopf zu klettern." Die Luft habe sich dick und schwer angefühlt, der Mund sei trocken gewesen. "Ich hatte das Gefühl, mein Körper wollte mir mitteilen: Du stirbst."

Love saß auf der Bank, als es begann. Er rannte in die Umkleidekabine. Am Ende lag er auf dem Boden. Danach sei alles verschwommen, sagte der 29-Jährige. Ein Mitarbeiter der Cavaliers fand ihn und brachte ihn in eine Klinik. "Ich dachte 29 Jahre lang, geistige Gesundheit sei das Problem von anderen", sagte Love.

Laut Angaben des National Institute of Mental Health, das zum amerikanischen Gesundheitsministerium gehört, waren 2016 rund 44,7 Millionen erwachsene US-Amerikaner  von psychischen Erkrankungen betroffen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit etwa 350 Millionen Menschen von Depressionen betroffen sind. 23 Prozent der Deutschen erkranken laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe im Laufe ihres Lebens an dieser psychischen Erkrankung.

Perfektionismus kann Sportler antreiben – oder angreifbar machen

"Was Depressionen, Angststörungen und Panikattacken angeht, sind Sportler genauso anfällig wie die normale Bevölkerung", sagt Marion Sulprizio. Sie ist Psychologin und arbeitet an der Deutschen Sporthochschule in Köln. "Es gibt zwei Seiten zu beachten: zum einen Faktoren wie Persönlichkeit und Genetik, zum anderen situative Faktoren wie zum Beispiel Druck. Beide Seiten machen Personen für eine psychische Erkrankung anfällig. Das ist bei Sportlern nicht anders als bei der normalen Bevölkerung."

Es gibt aber auch Eigenschaften, die sich bei Sportlern anders auswirken können. Perfektionismus zum Beispiel. "Er kann einen Sportler antreiben, aber wenn der dann mit der Silbermedaille nicht zufrieden ist, macht ihn das angreifbar", sagt Andreas Ströhle, Experte für Sportpsychologie und -psychiatrie an der Charité Berlin.

In der NBA wie auch in anderen Profiligen verdienen die Sportler oft Millionen. Das Gehalt mache die Situation der Athleten aber nicht unbedingt besser, sondern schlechter, sagt Sulprizio. "Wenn ich Geld bekomme, dann muss ich abliefern und gut sein – eben weil ich so viel Geld bekomme. Wenn ich das nicht tue, steigt der Druck natürlich umso mehr."

Auch die Erwartungshaltung der Gesellschaft spielt eine Rolle. "Sportler haben mit dem Vorurteil zu kämpfen: Wir sind die Starken, wir sind die Harten. Wir sind die Vorzeigemenschen unserer Gesellschaft. Sie haben im Kopf, dass sie sich keine Schwächen erlauben dürfen", sagt Sulprizio.

Kevin Love bestätigt das. Er schreibt: "Du wächst auf und merkst ziemlich schnell, wie du dich als Junge zu verhalten hast, um ein Mann zu sein. Sei stark. Rede nicht über deine Gefühle. Löse deine Probleme selbst." In Basketballteams rede keiner über geistige Gesundheit, "und ich wollte nicht der Einzige sein. Ich wollte nicht schwach erscheinen".