25. Februar 2018: Im olympischen Eishockeyfinale von Pyeongchang steht es zwischen den Olympischen Athleten aus Russland und dem Außenseiter Deutschland 3:3. Es läuft die Verlängerung. Die Regeln besagen: Beide Teams spielen dann nicht mehr mit fünf, sondern nur noch mit vier Feldspielern. Und das nächste Tor, der "Sudden Death", der plötzliche Tod, wird über Gold oder Silber entscheiden. Dann erhält der Nürnberger Stürmer Patrick Reimer eine Zwei-Minuten-Strafe.

ZEIT ONLINE: Herr Reimer, beim russischen Siegtor saßen sie auf der Strafbank. Wie fühlten Sie sich?

Patrick Reimer: Sehr einsam.

ZEIT ONLINE: Sie mussten zuschauen, wie sich Ihre Mitspieler in Unterzahl vergeblich mühten.

Reimer: Deutschland im Finale – so was gab es noch nie, so eine Chance kommt zumindest für mich nie wieder. Das ist mir alles sofort klar, das sind meine Gedanken, als ich vom Eis muss. Dann sitze ich da und denke mir, nein, eigentlich weiß ich: Es wird gleich vorbei sein. Eine Überzahl werden die Russen nutzen, erst recht eine 4:3-Überzahl, da ist der Vorteil noch größer als sonst. Die Russen sind allesamt starke Techniker, schon eh und je. Sie können mit der Scheibe andere Dinge als die anderen, sie sind die Brasilianer des Eishockeys. In Unterzahl kann man denen die Scheibe kaum abnehmen.

ZEIT ONLINE: Dann zieht Kirill Kapritsow ab.

Reimer: Das Tor kommt wie erwartet, trifft mich trotzdem wie ein Schlag. Ich bleibe noch lange in der Box sitzen, meinen Kopf gesenkt. Riesige Enttäuschung, große Leere in mir.

ZEIT ONLINE: Bei der Siegerehrung nach dem Finale wirkten einige deutsche Spieler traurig, Sie besonders.

Reimer: Das war ich auch. Aber mit der Medaille um den Hals änderte sich das. Silber macht uns stolz, ein Leben lang. Russlands Torwartlegende Tretjak hat uns bei der Gratulation würdige Finalisten genannt. Man merkte, das war ehrlich gemeint.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns über die Zwei-Minuten-Strafe reden, geahndet wurde high-sticking, hoher Stock. Die Strafe wird in der Eishockeyszene noch immer diskutiert.

Reimer: Im Zweikampf gehen mein Gegenspieler und ich runter zum Puck. Unsere Schläger geraten aneinander, dabei hebelt er meinen nach oben und ich treffe seinen Kopf, ganz leicht, keine Absicht. Ich bin keiner, der jemandem mit dem Schläger im Gesicht rumfuchtelt. Solche Szenen kommen im Eishockey vor.

ZEIT ONLINE: Machen Sie sich Vorwürfe?

Reimer: Nein, es war ja keine dumme Strafe, meine Mitspieler auch nicht. Aber ich denke manchmal noch an diese Szene.

ZEIT ONLINE: Experten halten die Strafe für eine unsensible Entscheidung. Ihr Kapitän Christian Ehrhoff kritisierte die Schiedsrichter mit harten Worten: "Ich hatte gehofft, die würden uns Spieler das Finale entscheiden lassen."

Reimer: Ich habe später mit einem befreundeten Schiedsrichter gesprochen. Der sagte: muss man nicht geben, aber kann man. Angesichts der Umstände – Finale, Verlängerung – hätte ich mir mehr Großzügigkeit von den Schiedsrichtern gewünscht. Die Russen hätten sich sicher nicht beschwert, wenn das Spiel weitergelaufen wäre. Aber auch ich beschwere mich nicht. Ich bin kein schlechter Verlierer. Jedenfalls hätten wir gerne den Sieger in Gleichzahl ausgespielt. Wir waren nämlich keineswegs durch den späten Ausgleich getroffen.

Patrick Reimer © REUTERS/Kim Kyung-Hoon