Sieben Runden haben die acht Großmeister im Berliner Kühlhaus gespielt. Jetzt kommt der zweite Durchgang mit vertauschten Farben, wieder jeder gegen jeden. Noch sieben Runden also, dann werden wir wissen, wer im November gegen den Weltmeister Magnus Carlsen antreten darf.

Kann man zur Halbzeit schon was sagen?

Bei allen Wettkämpfen gibt es dieses Verlangen, vorher zu wissen, was hinterher ist. An Prognosen mangelt es deshalb nie. Meist liegen sie daneben, weil weder die Papierform noch das Wunschdenken über den Ausgang entscheiden. Sport ist eben Sport, unberechenbar.

Wie um das illustrieren zu wollen, hat die Zeitschrift Schach in ihrer Märzausgabe eine Umfrage unter internationalen Experten veröffentlicht, die jeweils genau einen Favoriten aus dem Feld benennen sollten. Das Ergebnis ist frappierend: 32 von 64 Stimmen entfielen auf den Armenier Lewon Aronian, nur je 8 bekamen die beiden Nächstplatzierten, der Russe Wladimir Kramnik und der Amerikaner Fabiano Caruana. Wenn das kein klares Votum ist!

Tatsächlich liegt Aronian nach der ersten Turnierhälfte auf dem geteilten letzten Platz. Um noch Erster zu werden, müsste er von nun an alles gewinnen, was an ein Wunder grenzte.

Wie können Experten sich so irren? Nun, ihre Prognose war eine Wette auf seine gute Form im vorigen Jahr. Bei bisherigen Kandidatenturnieren hatte er die Erwartungen allerdings nie erfüllen können, er knickte unter ihrer Last ein. So scheint es auch diesmal zu sein. Wenn der eigene Staatspräsident zum Start angereist kommt, salbungsvoll spricht, und den ersten Zug der ersten Partie ausführt … dann kann einen das auch drücken.

Mit Kramnik bleibt zu rechnen

Auf den ersten Chinesen bei einem Kandidatenturnier jemals hatte kein Experte setzen wollen. Ding Liren hielt dann heftigsten Angriffen stand, verlor nicht eine Partie und liegt nun mit sieben Unentschieden auf Platz 3. Wenn er – durch diese Erfahrung gestärkt – im zweiten Umgang selbstbewusster würde und zu gewinnen begönne, wäre vieles möglich. Aber das ist Kaffeesatz.

Diesseits des Kaffeesatzes gibt es die Performance. Sie war am besten bei Fabiano Caruana. Er hat nichts verloren und drei Partien für sich entscheiden können, alle drei in nervenstark ausgeführten Kontern, in zum Teil abenteuerlichen Positionen, in denen es keine spontanen Gewissheiten mehr gab. Fabelhafter Fabi!

Schachrijar Mamedjarow, der Turnierzweite zur Halbzeit, bringt es demgegenüber nur auf zwei Gewinne, die ihm zudem durch Arglosigkeit und Übermut seiner Gegner mehr oder weniger in den Schoß fielen. Ein harter Test seines Könnens steht noch aus. Und wie würde er mit einer Niederlage fertigwerden?

Der Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik hat schon gezeigt, dass er es kann. Zwei Niederlagen stehen zwei Siegen gegenüber. Mit Schwarz hat er gegen Aronian eine fantastische Partie gespielt, die zu den besten dieses Jahres zählt: ein überfallartiger Angriff aus der trägen Berliner Mauer heraus. Mit Kramnik ist weiter zu rechnen.

Erschöpfung, Verzagtheit oder blindes Draufhauen

Schließlich wäre da noch der Russe Alexander Grischtschuk zu erwähnen, dessen verwegener Stil das Publikum begeistert. Er schert sich nicht um eröffnungstheoretische Konventionen und hat die Gabe, großes Durcheinander auf dem Brett sowohl anzurichten als auch ihm wundersam zu entkommen, meist mit den letzten Sekunden auf seiner Schachuhr.

Enttäuschend sind ausgerechnet die beiden Super-Defensivspieler Sergej Karjakin aus Russland und Wesley So aus den USA ins Turnier gestartet, ihre Verlustpartien sind schwach und lassen von ihrer sonstigen Klasse wenig erkennen.

Somit hat sich das Feld gespreizt und sortiert. Viel spricht dafür, dass die zweite Hälfte des Turniers kein Spiegelbild der ersten sein wird. Erschöpfung könnte sich einstellen, Verzagtheit oder, im Gegenteil, auch blindes Draufhauen – in der Hoffnung, dass es helfen möge.

Von dieser Stelle aus deshalb definitiv kein Tipp, wer es am Ende wird.

So steht es  nach 7 von 14 Runden: 

  • 1. Caruana 5 Punkte
  • 2. Mamedjarow 4,5 Punkte
  • 3./4./5. Ding, Grischtschuk und Kramnik 3,5 Punkte
  • 6. Karjakin 3 Punkte
  • 7./8. Aronian und So 2,5 Punkte

Unser Reporter Ulrich Stock begleitet für Sie das Kandidatenturnier, das vom 10. bis 28. März in Berlin stattfindet, in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Alles zum Turnier finden Sie auf unserer Themenseite.