Titelkämpfe im Schach gibt es seit 1886, und seither macht es ihren Reiz aus, dass sich der Weltmeister alle paar Jahre einem wochenlangen Duell mit seinem Herausforderer stellt. Nur: Wie wird man zum Herausforderer? In diesem Jahr ist die Antwort in Berlin zu finden.

Am Samstag, dem 10. März, beginnt im Kühlhaus in der Luckenwalder Straße das sogenannte Kandidatenturnier. Acht mögliche Herausforderer treten gegeneinander an. Sie zählen zu den stärksten Spielern der Welt. Jeder spielt gegen jeden zwei langsame Partien, eine mit Weiß, eine mit Schwarz. Für jeden Sieg gibt es einen Punkt, für jedes Unentschieden einen halben. Nach vierzehn Runden wird zusammengezählt: Wer die meisten Punkte hat, darf im November 2018 in London Magnus Carlsen gegenübersitzen.

Pro Tag wird eine Runde gespielt, vier Ruhetage werden eingestreut, so verteilen sich die 14 Runden über zweieinhalb Wochen. Spätestens am Mittwoch vor Ostern wird der Sieger feststehen.

Das Kandidatenturnier ist nach der Weltmeisterschaft das am meisten beachtete Ereignis im Schachsport. Mehr als 180 Medien haben sich zur Berichterstattung angemeldet. Die Fans fiebern der Internetübertragung entgegen. Natürlich wird spekuliert und diskutiert: Am besten weiß ja jeder immer schon vorher, wer es am Ende wird.

Schauen wir uns die Kandidaten einmal an.

Der Russe Alexander Grischtschuk ist wohl derjenige, der am wenigsten Aufmerksamkeit bekommt. Zwar zählt der 34-Jährige seit Langem zu den besten Spielern seines Landes, doch haftet ihm der Ruf an, ein Zocker zu sein. Das mag zum einen an seiner Pokerleidenschaft liegen (mit irgendwas muss man als Schachspieler ja Geld verdienen), zum anderen an seiner nachlässigen Erscheinung: unrasiert mit wirren Haaren in ollen Pullovern.  Äußerlichkeiten scheinen ihm egal zu sein; als Mode-Model wie Magnus Carlsen kommt er, obwohl schlaksig und gutaussehend, nicht in Betracht. Seine größte Stärke ist die Geschwindigkeit, seine größte Schwäche die Langsamkeit. In klassischen Partien verbraucht Grischtschuk so viel Bedenkzeit, dass er gegen Ende hin nur noch Sekunden auf der Uhr hat. Dann wird er blitzschnell und brandgefährlich. Bloß manches Mal reicht es einfach nicht mehr, oder er begeht einen Fehler. Von daher gilt für ihn: Weil kaum einer auf ihn setzt, könnte er frei aufspielen und Überraschungssieger werden.

Sergej Karjakin © Jason Kempin/Getty Images

Sergej Karjakin ist 28 und der zweite Russe im Turnier. In der Weltrangliste ist er abgerutscht auf Platz 13 und somit nominell der Schwächste im Feld. Aber das kann ihm nur nützen, denn er wird sowieso immer unterschätzt. Kaum jemand hatte vor zwei Jahren beim Kandidatenturnier in Moskau auf ihn getippt, aber dann gewann er überzeugend und lieferte Magnus Carlsen in New York einen zähen Kampf, den dieser erst in der Verlängerung für sich entscheiden konnte. Karjakin verfügt über stählerne Nerven und ist ein Meister der Verteidigung. In Gefahr und höchster Not findet er meistens noch einen wundersamen Weg ins Remis. Er bevorzugt klassische Eröffnungen, spielt sehr solide, ist kaum zu schlagen. Sollte er in Berlin siegen, würden wieder viele Schachfans meckern, die seinen Stil zu trocken finden, aber er hätte tatsächlich Chancen gegen Carlsen.