Ein Ritual auf wichtigen Schachturnieren ist die Ausführung des ersten Zuges einer Partie durch einen Prominenten. Der Prominente tritt ans Brett, schüttelt die Hände der bereit sitzenden Meister, wechselt noch ein paar Worte mit ihnen, während die Fotografen sich rüsten für den großen Moment, und dann, im Blitzlicht, nimmt der Prominente einen weißen Bauern oder Springer aus der Grundstellung und bewegt ihn nach vorn. Die Organisatoren von Schachturnieren versprechen sich davon eine Steigerung der öffentlichen Aufmerksamkeit, weil es ja Leute gibt, die sich weniger für Schach als für Prominente interessieren.

Nicht immer geht die Sache gut. Wenn der Prominente nicht versteht, welchen Zug er ausführen soll, weil er vom Schach keine Ahnung hat. Oder weil er nicht wirklich prominent ist und deshalb dem Publikum lange erklärt werden muss. (Fast immer ist es übrigens ein Er und keine Sie, anders als bei Schiffstaufen.)

Der Mann, der am Montag um 15 Uhr im Berliner Kühlhaus beim Kandidatenturnier den ersten Zug der dritten Runde ausführen soll, ist weder unprominent noch unkundig. Den Pianisten Francesco Tristano kennen in Berlin (und Europa) sogar Leute, die einander nicht kennen, weil sie sich bei ihren kulturellen Ausflügen nie über den Weg laufen, denn er spielt in der Philharmonie wie im Berghain, hier Strawinsky und Ravel, da Carl Craig oder Eigenes. 

"Grey Light", ein Stück von Francesco Tristanos aktuellem Album Piano Circle Songs, Sony 2017

Der 36-Jährige Luxemburger ist für ein paar Tage aus seinem Wohnort Barcelona nach Berlin gekommen, um das Kandidatenturnier aus der Nähe zu erleben. Selber war er im Schachverein, als er zehn, elf Jahre alt war. Später ist er zum Betrachter geworden, der es genießt, Meisterwerke nachzuspielen. Er bewundert Bobby Fischer, dessen Buch Meine 60 denkwürdigen Partien er zum Fototermin hinterm Kühlhaus mitbringt.

Wir besuchen zusammen den Spielsaal, sehen den Russen Alexander Grischtschuk grübeln mit Weiß gegen den Amerikaner Wesley So, die beiden Verlierer vom Vortag, und setzen uns anschließend in die Gold-Lounge im fünften Stock, wo die Ungarin Judit Polgár, einst stärkste Frau der Welt, das Geschehen kommentiert und eine Bar schachorientierte Cocktails anbietet. Tristano nimmt von der Karte einen Fisher's Rise, dem leider das kleine C in Bobbys Nachnamen abhandengekommen ist. Nicht nur im Schach werden Fehler gemacht, auch am Tresen.

Wie ist das mit Fehlern in der Musik? "Das kann man eigentlich nicht vergleichen", sagt Tristano. "Ein falscher Ton in der Musik ist egal. Wenn etwas danebengeht, muss man nur konzentriert weitermachen, um über den Fehler hinwegzukommen, man muss ja irgendwie ans Ende gelangen, das Stück fertig spielen. Beim Schach wird einem ein Fehler nicht verziehen. Ein Fehler – und du bist sofort weg."

Aber es gebe auch Ähnlichkeiten zwischen Schach und Musik. "Die Konzentration", sagt er, "und das rituelle Element". Beim Besuch im Turniersaal hat er das empfunden. Großartig, aus zwei Meter Entfernung zusehen zu können, wenn auch bestimmt nicht einfach für die Spieler. Er weiß es aus eigenem Erleben: "Wenn ich auf der Bühne bin und das Publikum rund um den Flügel herumsitzt, das kann recht bedrängend sein."

Es hänge von den Umständen ab. "In einem Club will ich schon auf derselben Höhe sein wie das Publikum auf dem Dancefloor, um dieselben Frequenzen zu hören, den Bass." Im klassischen Konzert, im Rezital, schätze er ein wenig Distanz. "Da kann ich Bobby Fischer verstehen, der so unglaubliche Bedingungen gestellt hat, wenn er spielte. Er wollte die Leute nicht atmen hören. Distanz ist ja nicht unbedingt etwas Schlechtes, sie stellt ja auch dieses Religiöse her, was man dann respektiert: die Bühne. Man geht als Zuhörer nicht über die Bühne." Hätte Bobby Fischer hier im Kühlhaus gespielt, unter diesen Bedingungen? "Auf keinen Fall."