Durchatmen im Kühlhaus: Die fünfte Runde des ereignisreichen Kandidatenturniers bringt den Großmeistern eine kleine Verschnaufpause. Drei ereignisarme Remispartien beruhigen die Nerven. Man kann ja nicht jeden Tag Tumult inszenieren; das zehrt an den Kräften, das Turnier ist noch lang.

Die vierte Partie aber hat genau wieder jene wilde Unübersichtlichkeit, die in den vergangenen Tagen das Publikum in den Bann geschlagen hat. Wieder ist der Russe Alexander Grischtschuk einer der Akteure. Mit Schwarz spielt er gegen den Armenier Lewon Aronian. Statt sich solide zu verteidigen, um die Gewinnversuche des Weißen im Ansatz abzuwehren, wählt er einen scharfen, unkonventionellen Partisanen-Aufbau mit frühen Bauernvorstößen am Königsflügel.

Aronian lässt sich nicht lumpen, steigt darauf ein. Beide Könige bleiben in der Mitte, rochieren weder zur einen noch zur anderen Seite und sind bald heftigen Angriffen ausgesetzt. Als Erster könnte Aronian zuschlagen. Er verpasst die gewinnbringende Kombination im undurchschaubaren Variantendschungel. Grischtschuk, mit nur noch Sekunden auf der Uhr, findet zudem einen guten Zug nach dem anderen. Er entwischt und geht zum sofort zum Konter über. Auch Aronian weiß sich zu verteidigen. Oft haben die beiden die Wahl zwischen vielen unendlich komplizierten Zugfolgen, dann wieder müssen sie den einen Zug finden, der sie überleben lässt.

Schließlich kommt Grischtschuk zur Einsicht, dass er zu große Risiken eingehen müsste, um das Endspiel zu gewinnen und bietet Remis, was Aronian annimmt.

Die Partie zum Durchklicken

Nach der Partie gehen die beiden nicht sofort zur Pressekonferenz, wie es üblich ist, sondern bleiben bestimmt eine Viertelstunde an ihrem Brett sitzen, kritische Momente der Partie erörternd. Wenn ich das gemacht hätte und du das… Sie können sich nicht lösen von den Problemen, die sie nicht lösen konnten.

Ein Kampfremis. Für jeden bedeutet das einen halben Punkt. Gefühlt ist es für Aronian weniger als ein halber Punkt, für Grischtschuk mehr. Das Publikum möchte beiden einen Punkt geben für ihre Art Schach zu spielen: erfindungsreich, mutig, kaltblütig, verwegen.

Nach 5 von 14 Runden liegt der Amerikaner Caruana mit 3,5 Punkten vorn, gefolgt von Mamedjarow (Aserbaidschan) und Kramnik (Russland) mit 3 Punkten. Im Mittelfeld liegen Ding (China), Aronian (Armenien) und Grischtschuk (Russland) mit 2,5. Den Schluss bilden Karjakin (Russland) und So (USA) mit je 1,5.

Unser Reporter Ulrich Stock begleitet für Sie das Kandidatenturnier in Berlin, das vom 10. März an stattfindet, in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Alles zum Turnier finden Sie auf unserer Themenseite.