"Was ist euer Lieblingsverein?", fragt der Museumsführer im Hampden Park von Glasgow, dem ältesten Stadion der Welt. Leeds United, sagen die beiden Engländer. Fortuna Düsseldorf, sagt Mirco von Juterczenka. Sein Sohn Jason blickt ihn kurz an, weil die anderen jetzt auf seine Antworten warten. Dann schweigt er. Der Guide dreht sich um, nickt, und geht wohl davon aus, dass Vater und Sohn Fortuna Düsseldorf unterstützen. Ein paar Minuten später sagt Jason zu Mirco: "Papsi, ich bin doch gar kein Fan." Mirco bleibt neben ihm im Kabinengang des Stadions stehen: "Das stimmt, aber uns fehlt die Zeit, um dem Mann das jetzt zu erklären."

Mirco und Jason müssten eine lange Geschichte erzählen. Sie erstreckt sich über fast sieben Jahre. Sie müssten erzählen, wie er und sein Vater um die Welt reisen, um Jasons Lieblingsverein zu finden. Und wie beide glücklich darüber sind, dass Jason ihn wohl nie finden wird. 

Wenn Fans erzählen, wie sie Fan wurden, handeln die Geschichten immer von Zufällen, Spontanität oder Launen. Man erbt Opas Dauerkarte. Man wird in Gelsenkirchen, Hamburg oder sogar in Wolfsburg geboren. Man will das Gedrängel auf der Dortmunder Südtribüne nach der ersten Bierdusche nie wieder missen. Fans denken nicht rational.

Genau das macht es Jason so schwer. Er hasst Zufälle. Er ist Asperger-Autist. Für ihn ist Fanwerden, wie alles in seinem Leben, vor allem eine Frage der Logik. Erst muss er alle Vereine gesehen haben, dann wird er sich entscheiden. Also alle in Deutschland, angefangen beim BVB in der Bundesliga bis hinunter in die Kreisklasse, aber auch den Chaintat FC in Thailand und den FK Kara Balta in Kirgisien. Wahrscheinlich wird er an der Aufgabe scheitern. Stören wird ihn das nicht.

Dafür sind die Fußballreisen zu gut, die Geschichten mit seinem Vater zu aufregend. Die Stadien sind die Orte, an denen der Zwölfjährige die Regeln bricht, die für Außenstehende nicht nachvollziehbar erscheinen, die er sich aber selbst gibt. Sind sie unterwegs, rebellieren sie gegen die Grenzen, die das Asperger-Syndrom ihnen auferlegt. Dann sind Mirco und Jason von Juterczenka die Wochenendrebellen.  

Jason und Mirco besuchen ihr 71. Spiel: Celtic Glasgow gegen Kilmarnock FC. © Fabian Scheler

Ihre Reise hat sie nach Aalen, in die Schalker Nordkurve und auf ein Dach in Split geführt. Sie waren in Mailand, Nancy und in Wattenscheid. Sie haben im vergangenen Sommer ein Buch geschrieben. Sie haben den Grimme Online Award für ihren Podcast und einen Preis für ihren Blog gewonnen. Der Autor der Erfolgsserie 4Blocks entwirft gerade ein Drehbuch mit ihrer Geschichte.

Über Asperger-Autismus lässt sich vieles lesen, Aufschlussreiches wie Humbug. Es ist eine Entwicklungsstörung. Unheilbar. Hält sich jemand nicht an die Regeln, nach denen Asperger-Autisten leben, eskalieren Alltagssituationen. Dann brüllt Jason los, und Mirco sagt, es sei kaum zu glauben, wie widerlich sein Sohn sein kann. Die Ausprägungen der Behinderungen variieren stark. Jason ist hochintelligent, viel schlauer und argumentativ stärker als die meisten seiner Mitmenschen. Je mehr man über Autisten erfährt, desto weniger sieht es wie eine Behinderung aus. "Ich bin ein angenehmer Zeitgenosse", sagt Jason, "ich hätte gerne einen Bruder wie mich. Hört man mir zu, kann man viel lernen." Sein Vater sagt: "Es ist kein Grund, in den Betroffenheitsmodus zu verfallen. Wir haben den besten Sohn der Welt."

Wie ist das, Fan von etwas zu sein?

Als Jason vier Jahre alt war und die anderen im Kindergarten mit Stiften Schiffchen aufs Papier kritzelten, zählte er die Kinder mit roten Schuhen oder las aus Zeitungen vor. Irgendwann fing er an, Autokennzeichen vorzulesen. Fortan durfte kein Parkplatz mehr verlassen werden, bevor nicht alle Kennzeichen gesichtet waren. Sonst wurde er sehr wütend. Später wird er in den Stadien die Summen der Rückennummern auf den Trikots der Spieler bilden.

Seine Eltern hielten das für nichts Besonderes. Jason ist ihr erstes von zwei Kindern. Bis eine Beraterin der Caritas die Familie mehrere Wochen beobachtete und sagte: "Jason hat das Asperger-Syndrom." Da war Jason drei Jahre alt. Die Mutter ließ am Tag des letzten Gesprächs mit der Caritas-Beraterin das Mittagessen halbfertig auf dem Herd stehen. Es war bis dahin eben ein Tag wie jeder andere, aber doch nicht der, an dem sie erfahren sollten, dass ihr Sohn Asperger-Autist ist.

Was sie noch von dem Gespräch wissen: Die Beraterin wählte die Worte Autismus, Syndrom und unheilbar. Viel mehr blieb bei den Eltern nicht hängen, so überfordert waren sie in diesem Augenblick. Sie konnten es einfach nicht glauben. Schließlich benahm sich ihr Sohn doch nicht so, wie es die Autisten in Filmen tun: Um sich schlagen, vor- und zurückwippen, wer sich mit Autismus beschäftigt, merkt, wie mächtig Drehbuchautoren sein können. Ihre Klischees können zu gesellschaftlichen Urteilen werden.

Ein Arzt bestätigte die Diagnose. Er sagte außerdem, es werde viele Dinge geben, die Jason nicht erreichen kann. Seitdem leben Jason und seine Familie gegen diesen Satz an. "Autisten leiden nicht unter Autismus", sagt Mirco, "sie leiden nur unter dem rücksichtslosen Umgang mit ihnen."

Zusammen bloggen, podcasten und schreiben sie Bücher: Jason und Mirco von Juterczenka sind die Wochenendrebellen. © Fabian Scheler

Die Eltern haben gelernt, mit dem Autismus umzugehen: "Die Behinderung ist nichts, was man mit strenger Hand wegerzieht. Sie ist Bestandteil von Jason und wird immer bei ihm sein." Oder, wie Jason es sagt: "Gäbe es ein Medikament, mit dem man das Asperger-Syndrom heilen könnte, müsste ich nicht lange überlegen, um es nicht zu nehmen." Du lebst nach einer besonderen Logik, sagten die Eltern am Anfang zu Jason. Mittlerweile findet er mehr Vor- als Nachteile, Asperger-Autist zu sein.

Die Eltern organisieren die üblichen Therapien. Die mit Abstand beste ist der Fußball. Sie beginnt in Leverkusen im Oktober 2011. Champions League, Leverkusen gegen Valencia. Mirco, Jason und sein Opa sind im Stadion. So wie es jeder Familie in Deutschland bestimmt mal in den Sinn kommt, ins Fußballstadion zu gehen. Viele Fanbiografien beginnen so. Doch Jason wird kein Fan von Leverkusen oder Valencia. Er fängt auch nicht an, sich für Michael Ballack zu interessieren. Stattdessen denkt Jason über das nach, was er gesehen hatte.

Eigentlich hasst er Menschenmassen. Auf dem Pausenhof steht er oft alleine und findet das genau richtig. Im Klassenzimmer sitzt Jason ganz vorne am Fenster. Er hat sich dort seine Ecke eingerichtet. Freunde hat er keine, das findet er aber nicht schlimm. Seine eigene Fußballkarriere endete damit, dass er den eigenen Torhüter so fertigmachte, dass der nicht mehr mit ihm spielen wollte.

An diesem Abend in Leverkusen haben ihn die Fans neugierig gemacht. Sie brüllen, sie schwenken Fahnen, sie liegen sich in den Armen. Das ist interessant. Jason ist ab sofort auf der Suche nach einem Gefühl:

Er will wissen, wie das ist, Fan von etwas zu sein.

Noch auf der Rückfahrt aus Leverkusen erklärt Mirco ihm, dass es Fußballvereine auf der ganzen Welt gibt, Auf- und Abstiege, Menschen, die ihr eigenes Wohl mit dem ihres Clubs verwechseln. Mirco verspricht Jason, ihm bei der Suche zu helfen. Versprechen seien keine Versehen, sagte Jason zu seinem Vater. Damit war die Sache klar.

Die Suche nach seinem Club folgt Regeln. Der Verein muss ökologisch sein, wie Mainz 05, die einen Solarhersteller als Sponsor haben. Er muss Toiletten haben, auf denen man das Spiel weiter verfolgen kann, wie in Stuttgart. Die Tribüne muss überwuchert sein, wie die in Saarbrücken. Das Stadion muss so schön in den Hang gebaut sein, wie das in Aue, und die Anfahrt soll so sein wie die nach Cottbus, nämlich mit dem Nachtzug bis nach Leipzig, wegen einer Umleitung bis Potsdam und weiter in die Lausitz. Bildet ein Team hingegen vor dem Spiel einen Kreis, scheidet es für Jason aus: Er mag keine Nähe.

Jason tut sich mit Emotionen schwer. Wo aber kann ein Asperger-Autist mehr darüber erfahren als in einem Fußballstadion? Auf der Dortmunder Südtribüne stand er mit 30.000 anderen. Sehr gut gefallen hat es ihm dort, "war vielleicht ein bisschen zu laut", sagt er. Anstrengend ist nur der Alltag. Im Podcast, den er und sein Vater zusammen machen, fragte ihn der Vater mal: "Glaubst du, es gibt irgendetwas auf der Welt, was du nicht schaffen kannst, weil du Autist bist?" Jason: "Nein."

"Ich bin ein angenehmer Zeitgenosse", sagt Jason. © Fabian Scheler

Seine nächsten Reiseziele: Grönland, Tadschikistan und Indonesien, wegen des einen Vulkans da mit den drei Farben. Jeden Mittwoch schreibt Jason einen neuen Artikel für seinen Wissenschaftsblog. Er sagt: "Die Wissenschaft hat nur eine Zukunft, wenn man es schafft, Leute dafür zu begeistern." Er kann Klimawandelleugner widerlegen und den Aufstieg der AfD beschreiben. Mitschüler, die sich nicht für die Themen interessieren, die er spannend findet, verachtet er. Einmal sagte man den Eltern, auf einer normalen Schule wäre er nicht gut aufgehoben. Mittlerweile ist er am Gymnasium einer der Besten.

Weil er unterfordert ist, forscht er am Wissenschaftszentrum in Kassel zur Chaostheorie. Den Forschungsplatz bekam er, nachdem er dem Leiter des Zentrums mehrere Minuten lang das quantenphysikalische Phänomen von Schrödingers Katze erklärt hatte und zwei Fragen zur Quantenverschränkung korrekt beantwortet hatte.

"Er kann mit vollem Stolz grausam sein"

Er vergisst nichts, weder Lappalien wie den Mittwochabend vor zwei Jahren, als er unten im Wohnzimmer eingeschlafen ist und seine Eltern nachts um eins aufstehen mussten, um ihn nach oben zu bringen. Und auch nicht den Tag, als Mirco unter dem furchtbar verdreckten Pissoir am Millerntor hocken musste, damit Jason sich auf ihn knien konnte, um zu pinkeln. Auf die Toilette gehen unterlag damals strengen Regeln: nur im Sitzen, nur auf weißen WC-Schüsseln, nie im Freien. Eine Regel, die nicht gebrochen werden durfte.

Und er liebt seine Regeln, sie geben seinem Leben Struktur. Dass Google an manchen Tagen sein Design wegen der Google-Doodles ändert, regt ihn auf. Im Schulbus muss er der Erste ein, sonst ist der Tag gelaufen. Auf einem der ersten Trips hat Jason dem Vater im ICE-Bordbistro die Nudeln mit Soße wieder über den Tisch geschoben. "Die Scheiße kannst du alleine fressen", sagte er so laut, dass die anderen Gäste den Vater ansahen, als hätte er soeben seinen Sohn verhauen. Die Nudeln waren mit Soße gemischt. Regelbruch. Eskalation. Am Ende verließen sie das Bordbistro. Der ICE fuhr ohne sie weiter. Jason schrie und schlug um sich. Das Wochenende war zu Ende. "Er kann mit vollem Stolz grausam sein", sagt Mirco, "das hatten wir am Anfang häufiger, mittlerweile haben wir dafür Strategien gefunden." In einem Restaurant in Glasgow isst er Nudeln gemischt mit Soße.

Eine andere Regel ist es, dass nichts weggeschmissen werden darf. Der Umwelt zuliebe. Geteilt wird auch nicht, denn es ist sein Essen. Und weil der Vater das alles weiß, ist er derjenige, der die Situation zu lösen hat. Jason sagt: "Es ist für Papsi Stress, dafür zu sorgen, dass es für mich kein Stress ist."   

Jason versteht keine Doppeldeutigkeit, keine Ironie. Einmal rief ihm die Mutter beim Gehen noch zu, man solle vom Spiel des BVB drei Punkte mitbringen. Das sah er als Auftrag. Als der BVB nach zehn Minuten hinten lag, starrte er 80 Minuten lang im Westfalenstadion eine Betonwand an, weil er seinen Auftrag nicht würde erfüllen können. Weil er aber durch Fußballreisen auch den Humor und den Pathos der Fankurven kennenlernte, tastet er sich nun an Ironie heran. In Aue hörten die beiden das Lied der Fans: "Zwei gekreuzte Hämmer / Und ein großes W / Das ist Wismut Aue, unsere BSG / Wir kommen aus der Tiefe / Wir kommen aus dem Schacht/ Wismut Aue / die neue Fußballmacht." Wäre es die erste Reise gewesen, wäre Jason wohl wieder abgereist, weil die Spieler nicht aus dem Schacht kamen.

"Glaubst du, es gibt irgendetwas auf der Welt, was du nicht schaffen kannst, weil du Autist bist?" Jason: "Nein." © Fabian Scheler

Das 71. Spiel ihrer Reise ist Celtic Glasgow gegen Kilmarnock. Ein Ligaspiel in Schottland, der Erste gegen den Letzten. Um den Flug von Frankfurt nach Glasgow noch zu erwischen, ist Jason zum ersten Mal alleine Zug gefahren. Dass sich jemand Sorgen um ihn macht, weil er alleine Zug fährt, kann er nicht verstehen. Er sei schließlich kein Kind. Es ist das Leitmotiv ihrer Reisen.

Hätten sie den Flug verpasst, wären sie eben mit dem Nachtzug nach Moskau gefahren. Oder nach Aalen, dort haben sie ja eh noch eine Rechnung offen. Als sie da waren, endete ihr Spiel 0:0. Torlose Spiele zählen nicht, das ist eine Regel. Da müssen sie noch mal hin. Jasons Augen weiten sich, wenn er die offenen Reiseziele aufzählt. Wie einer, der seit Jahren nicht im Urlaub war und nun im Reisebüro sitzt.

In Glasgow plant er die nächsten Ausflüge: "Das mit dem Thai-Fußball hab ich nicht vergessen, Papsi." Auch gut vorstellen kann er sich ein Fußball-Wochenende an den vier am weitesten nördlich, südlich, östlich und westlich gelegenen Orten Deutschlands, natürlich inklusive der Zugfahrten dahin. Er liebt Züge, denn die schonen die Natur am meisten. Bis auf einen Joker im Jahr reisen Mirco und Jason mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Länder, in denen Jason schon war, fallen aus der Planung für neue Trips raus. Die Clubs, die momentan auf Jasons Liste stehen: TJ Tatran Čierny Balo in der Slowakei, weil dort ein Zug mitten durchs Stadion fährt, das Ottmar-Hitzfeld-Stadion in der Schweiz und das Felsenstadion in Braga. Die hatten gerade allerdings kein Heimspiel oder die Flüge waren zu teuer. Also konnte Jason eines seiner anderen Ziele abarbeiten: Glasgow.

Am Abend vor dem Spiel in Glasgow wissen die beiden noch nicht, wo sie essen sollen. Jason ist es egal, aber er sagt: "Hätten wir drei Restaurants zur Auswahl, würde ich keines auswählen." Um klarzumachen, was er meint, erläutert er das philosophische Gleichnis von Buridans Esel: Ein Esel muss sich für einen von zwei Heuhaufen entscheiden. Beide sind gleich weit entfernt. Der Esel verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann. Sein Vater staunt. Das tut er oft.

Am nächsten Morgen sitzt Jason in der Wohnung an seinem Laptop und notiert sich, wie viele Mittagessen er auf der Tour jetzt schon verpasst hat. Es ist bislang eins. Am Sonntag, wenn der Alltag sich wieder ins Leben drängelt, werden sie zu Hause die verpassten Essen nachholen müssen. 

Sie gucken keinen Fußball, sie erleben ihn

Jetzt muss er erst mal die Busfahrt zum Hampden Park filmen. Am Vormittag ist genug Zeit, um das Fußballmuseum zu besuchen. 1908 kamen 121.00 Zuschauer zum Spiel gegen England. Das Stadion hat die deutsche Luftwaffe überlebt. 1960 verlor Eintracht Frankfurt hier das europäische Clubfinale in einer legendären Nacht 3:7 gegen Real Madrid, 1976 gewannen die Bayern in Glasgow ihren dritten Cup der Landesmeister in Folge. Fotos einer Ausstellung zeigen die Ereignisse, Jason bleibt vor jedem kurz stehen. Das Gebrüll im Stadion kann so laut werden, dass der Hampden Roar noch hinter den vielen roten Klinkerfassaden zu hören ist. Es ist ein bedeutender, für Fußballfans ein kitschig schöner Ort. "Ich mag es, wenn Klischees stimmen", sagt Jason vor dem Stadion. "Auch über dich?", fragt ihn der Vater. "Manches stimmt ja auch", sagt Jason, und geht weiter.

Es geht hinein ins leere Stadion. Mirco filmt ihn auf den letzten Metern. Wie in Hamburg, Prag und Sarajevo. Nie sind Fußballfans aufgeregter, als wenn sie zum ersten Mal in ein Stadionrund blicken. Jason grinst lange, seine Augen tasten sich vom Flutlichtmast zu den leeren Sitzschalen und dem grünen Rasen. Er darf dann auch noch das Imitat eines Pokals hochhalten.

Die Zeit reicht, um vom Stadtzentrum hinaus zum anderen großen Stadion der Stadt zu spazieren, dem Celtic Park, Heimat von Celtic Glasgow. Das dauert eine Weile, an jeder roten Ampel hält Jason. Alle gehen, Jason steht. Manche seiner Regeln ändern sich, wie die mit den Nudeln. Diese aber wird er wohl nie aufgeben. Auch wenn die beiden deshalb ihren Nachtbus um Sekunden verpassen und eine neue Unterkunft suchen müssen, wie damals in Belgrad. Wenn er darüber erzählt, lacht Jason. Sein Vater mittlerweile auch.

Der Celtic Park in Glasgow © Fabian Scheler

Heilig ist auch die Feststellung, dass er kein Kind ist. Während des Celtic-Spiels dürfen sie nicht im Familienbereich sitzen, denn das würde ja genau das bedeuten. Als Mirco Rückfahrkarten für die Bahn kauft und die Kassiererin nur einen Erwachsenenfahrschein unter der Glasscheibe durchschiebt, sagt Jason: "Hä, nein? Das ist falsch!" Mirco muss noch ein zweites Erwachsenenticket kaufen.

Die Reise hätte nicht gezählt, wenn sie nach dem Anpfiff ins Stadion gekommen wären. Noch eine Regel. Ist noch mal gut gegangen. Jason fällt als Erstes die Palästinaflagge im Celtic-Fanblock auf. Das Nächste ist eine über das Spielfeld fliegende Mülltüte. Sie tänzelt im Wind, Jason hat sie fixiert. Immer wenn sie neu aufgeblasen wird und weiterfliegt, lacht er.

Auf die Toilette geht er mittlerweile alleine. "Das macht er erst seit ein paar Monaten", sagt sein Vater. Geht er verloren? "Selbst wenn", bislang hat sich immer jemand gefunden, der ihnen geholfen hat. Ihre Reisen beweisen Jason auch, dass die Menschen aus der anderen Welt nicht alle schlecht sind.

Während des Spiels sammeln sich unter den Sitzen der ersten Reihe leere Chipstüten, zerfledderte Pappbecher und so viel Plastik, dass Jason mit der Fußspitze darin rühren kann wie in einem See. Schnell wird klar, dass Celtic deshalb nicht sein Verein werden kann. "Zu viel Müll", sagt er in der 28. Minute und kann ab da das Spiel genießen. Am Ende steht ein 1:1 und Celtic stellt den 100 Jahre alten Clubrekord ein, 62 Spiele in Folge ungeschlagen zu sein.

Wird auch nicht Jasons Lieblingsverein: Celtic Glasgow. © Fabian Scheler

Abends im Restaurant gibt es vegetarische Burger, die so groß sind, dass Jason seinen nicht schafft. Normalerweise würde er jetzt dem Vater nahe legen, den Burger schleunigst aufzuessen. Nichts darf weggeworfen werden. Nimmt die Bedienung den Teller mit, weiß er nicht, was mit dem Essen passiert.

Sie macht es, doch Jason protestiert nicht. Das gab es noch nie. 

Erst am nächsten Morgen, im Bus auf dem Weg zum Flughafen, spricht ihn Mirco darauf an. Sie machen das häufig, der Vater fragt den Sohn dann, wie er die Situationen erlebt hat. Es sind ihre persönlichen Therapiegespräche. Sehr wohl habe er das mitbekommen, sagt Jason, weswegen das Restaurant mit einer miserablen Bewertung bei Tripadvisor rechnen kann. Der Vater will das jetzt genauer wissen: Ob er da nicht etwas verändert habe, fragt er, um das Wort Regelbruch zu vermeiden. "Auf gar keinen Fall, die Bedienung war einfach unhöflich."

Beim nächsten Mal wird er einfach weiteressen, bis er Bauchschmerzen hat, sagt Jason. Der Vater lächelt. Sein Sohn hat wieder einen Schritt gemacht, wieder hat er auf einer der Fußballtouren eine Situation gemeistert, an der er im Alltag gescheitert wäre. So geht das ständig. Sie erschließen sich den Fußball auf ihre eigene Art, gewinnen neue Freunde und lernen, mit der Behinderung zu leben. Sie gucken keinen Fußball, sie erleben ihn. Bis heute gibt es für den schottischen Burgerladen bei Tripadvisor keine schlechte Bewertung von Jason. Es scheint ihm doch gefallen zu haben.