Als Jason vier Jahre alt war und die anderen im Kindergarten mit Stiften Schiffchen aufs Papier kritzelten, zählte er die Kinder mit roten Schuhen oder las aus Zeitungen vor. Irgendwann fing er an, Autokennzeichen vorzulesen. Fortan durfte kein Parkplatz mehr verlassen werden, bevor nicht alle Kennzeichen gesichtet waren. Sonst wurde er sehr wütend. Später wird er in den Stadien die Summen der Rückennummern auf den Trikots der Spieler bilden.

Seine Eltern hielten das für nichts Besonderes. Jason ist ihr erstes von zwei Kindern. Bis eine Beraterin der Caritas die Familie mehrere Wochen beobachtete und sagte: "Jason hat das Asperger-Syndrom." Da war Jason drei Jahre alt. Die Mutter ließ am Tag des letzten Gesprächs mit der Caritas-Beraterin das Mittagessen halbfertig auf dem Herd stehen. Es war bis dahin eben ein Tag wie jeder andere, aber doch nicht der, an dem sie erfahren sollten, dass ihr Sohn Asperger-Autist ist.

Was sie noch von dem Gespräch wissen: Die Beraterin wählte die Worte Autismus, Syndrom und unheilbar. Viel mehr blieb bei den Eltern nicht hängen, so überfordert waren sie in diesem Augenblick. Sie konnten es einfach nicht glauben. Schließlich benahm sich ihr Sohn doch nicht so, wie es die Autisten in Filmen tun: Um sich schlagen, vor- und zurückwippen, wer sich mit Autismus beschäftigt, merkt, wie mächtig Drehbuchautoren sein können. Ihre Klischees können zu gesellschaftlichen Urteilen werden.

Ein Arzt bestätigte die Diagnose. Er sagte außerdem, es werde viele Dinge geben, die Jason nicht erreichen kann. Seitdem leben Jason und seine Familie gegen diesen Satz an. "Autisten leiden nicht unter Autismus", sagt Mirco, "sie leiden nur unter dem rücksichtslosen Umgang mit ihnen."

Zusammen bloggen, podcasten und schreiben sie Bücher: Jason und Mirco von Juterczenka sind die Wochenendrebellen. © Fabian Scheler

Die Eltern haben gelernt, mit dem Autismus umzugehen: "Die Behinderung ist nichts, was man mit strenger Hand wegerzieht. Sie ist Bestandteil von Jason und wird immer bei ihm sein." Oder, wie Jason es sagt: "Gäbe es ein Medikament, mit dem man das Asperger-Syndrom heilen könnte, müsste ich nicht lange überlegen, um es nicht zu nehmen." Du lebst nach einer besonderen Logik, sagten die Eltern am Anfang zu Jason. Mittlerweile findet er mehr Vor- als Nachteile, Asperger-Autist zu sein.

Die Eltern organisieren die üblichen Therapien. Die mit Abstand beste ist der Fußball. Sie beginnt in Leverkusen im Oktober 2011. Champions League, Leverkusen gegen Valencia. Mirco, Jason und sein Opa sind im Stadion. So wie es jeder Familie in Deutschland bestimmt mal in den Sinn kommt, ins Fußballstadion zu gehen. Viele Fanbiografien beginnen so. Doch Jason wird kein Fan von Leverkusen oder Valencia. Er fängt auch nicht an, sich für Michael Ballack zu interessieren. Stattdessen denkt Jason über das nach, was er gesehen hatte.

Eigentlich hasst er Menschenmassen. Auf dem Pausenhof steht er oft alleine und findet das genau richtig. Im Klassenzimmer sitzt Jason ganz vorne am Fenster. Er hat sich dort seine Ecke eingerichtet. Freunde hat er keine, das findet er aber nicht schlimm. Seine eigene Fußballkarriere endete damit, dass er den eigenen Torhüter so fertigmachte, dass der nicht mehr mit ihm spielen wollte.

An diesem Abend in Leverkusen haben ihn die Fans neugierig gemacht. Sie brüllen, sie schwenken Fahnen, sie liegen sich in den Armen. Das ist interessant. Jason ist ab sofort auf der Suche nach einem Gefühl:

Er will wissen, wie das ist, Fan von etwas zu sein.

Noch auf der Rückfahrt aus Leverkusen erklärt Mirco ihm, dass es Fußballvereine auf der ganzen Welt gibt, Auf- und Abstiege, Menschen, die ihr eigenes Wohl mit dem ihres Clubs verwechseln. Mirco verspricht Jason, ihm bei der Suche zu helfen. Versprechen seien keine Versehen, sagte Jason zu seinem Vater. Damit war die Sache klar.

Die Suche nach seinem Club folgt Regeln. Der Verein muss ökologisch sein, wie Mainz 05, die einen Solarhersteller als Sponsor haben. Er muss Toiletten haben, auf denen man das Spiel weiter verfolgen kann, wie in Stuttgart. Die Tribüne muss überwuchert sein, wie die in Saarbrücken. Das Stadion muss so schön in den Hang gebaut sein, wie das in Aue, und die Anfahrt soll so sein wie die nach Cottbus, nämlich mit dem Nachtzug bis nach Leipzig, wegen einer Umleitung bis Potsdam und weiter in die Lausitz. Bildet ein Team hingegen vor dem Spiel einen Kreis, scheidet es für Jason aus: Er mag keine Nähe.

Jason tut sich mit Emotionen schwer. Wo aber kann ein Asperger-Autist mehr darüber erfahren als in einem Fußballstadion? Auf der Dortmunder Südtribüne stand er mit 30.000 anderen. Sehr gut gefallen hat es ihm dort, "war vielleicht ein bisschen zu laut", sagt er. Anstrengend ist nur der Alltag. Im Podcast, den er und sein Vater zusammen machen, fragte ihn der Vater mal: "Glaubst du, es gibt irgendetwas auf der Welt, was du nicht schaffen kannst, weil du Autist bist?" Jason: "Nein."

"Ich bin ein angenehmer Zeitgenosse", sagt Jason. © Fabian Scheler

Seine nächsten Reiseziele: Grönland, Tadschikistan und Indonesien, wegen des einen Vulkans da mit den drei Farben. Jeden Mittwoch schreibt Jason einen neuen Artikel für seinen Wissenschaftsblog. Er sagt: "Die Wissenschaft hat nur eine Zukunft, wenn man es schafft, Leute dafür zu begeistern." Er kann Klimawandelleugner widerlegen und den Aufstieg der AfD beschreiben. Mitschüler, die sich nicht für die Themen interessieren, die er spannend findet, verachtet er. Einmal sagte man den Eltern, auf einer normalen Schule wäre er nicht gut aufgehoben. Mittlerweile ist er am Gymnasium einer der Besten.

Weil er unterfordert ist, forscht er am Wissenschaftszentrum in Kassel zur Chaostheorie. Den Forschungsplatz bekam er, nachdem er dem Leiter des Zentrums mehrere Minuten lang das quantenphysikalische Phänomen von Schrödingers Katze erklärt hatte und zwei Fragen zur Quantenverschränkung korrekt beantwortet hatte.