Er vergisst nichts, weder Lappalien wie den Mittwochabend vor zwei Jahren, als er unten im Wohnzimmer eingeschlafen ist und seine Eltern nachts um eins aufstehen mussten, um ihn nach oben zu bringen. Und auch nicht den Tag, als Mirco unter dem furchtbar verdreckten Pissoir am Millerntor hocken musste, damit Jason sich auf ihn knien konnte, um zu pinkeln. Auf die Toilette gehen unterlag damals strengen Regeln: nur im Sitzen, nur auf weißen WC-Schüsseln, nie im Freien. Eine Regel, die nicht gebrochen werden durfte.

Und er liebt seine Regeln, sie geben seinem Leben Struktur. Dass Google an manchen Tagen sein Design wegen der Google-Doodles ändert, regt ihn auf. Im Schulbus muss er der Erste ein, sonst ist der Tag gelaufen. Auf einem der ersten Trips hat Jason dem Vater im ICE-Bordbistro die Nudeln mit Soße wieder über den Tisch geschoben. "Die Scheiße kannst du alleine fressen", sagte er so laut, dass die anderen Gäste den Vater ansahen, als hätte er soeben seinen Sohn verhauen. Die Nudeln waren mit Soße gemischt. Regelbruch. Eskalation. Am Ende verließen sie das Bordbistro. Der ICE fuhr ohne sie weiter. Jason schrie und schlug um sich. Das Wochenende war zu Ende. "Er kann mit vollem Stolz grausam sein", sagt Mirco, "das hatten wir am Anfang häufiger, mittlerweile haben wir dafür Strategien gefunden." In einem Restaurant in Glasgow isst er Nudeln gemischt mit Soße.

Eine andere Regel ist es, dass nichts weggeschmissen werden darf. Der Umwelt zuliebe. Geteilt wird auch nicht, denn es ist sein Essen. Und weil der Vater das alles weiß, ist er derjenige, der die Situation zu lösen hat. Jason sagt: "Es ist für Papsi Stress, dafür zu sorgen, dass es für mich kein Stress ist."   

Jason versteht keine Doppeldeutigkeit, keine Ironie. Einmal rief ihm die Mutter beim Gehen noch zu, man solle vom Spiel des BVB drei Punkte mitbringen. Das sah er als Auftrag. Als der BVB nach zehn Minuten hinten lag, starrte er 80 Minuten lang im Westfalenstadion eine Betonwand an, weil er seinen Auftrag nicht würde erfüllen können. Weil er aber durch Fußballreisen auch den Humor und den Pathos der Fankurven kennenlernte, tastet er sich nun an Ironie heran. In Aue hörten die beiden das Lied der Fans: "Zwei gekreuzte Hämmer / Und ein großes W / Das ist Wismut Aue, unsere BSG / Wir kommen aus der Tiefe / Wir kommen aus dem Schacht/ Wismut Aue / die neue Fußballmacht." Wäre es die erste Reise gewesen, wäre Jason wohl wieder abgereist, weil die Spieler nicht aus dem Schacht kamen.

"Glaubst du, es gibt irgendetwas auf der Welt, was du nicht schaffen kannst, weil du Autist bist?" Jason: "Nein." © Fabian Scheler

Das 71. Spiel ihrer Reise ist Celtic Glasgow gegen Kilmarnock. Ein Ligaspiel in Schottland, der Erste gegen den Letzten. Um den Flug von Frankfurt nach Glasgow noch zu erwischen, ist Jason zum ersten Mal alleine Zug gefahren. Dass sich jemand Sorgen um ihn macht, weil er alleine Zug fährt, kann er nicht verstehen. Er sei schließlich kein Kind. Es ist das Leitmotiv ihrer Reisen.

Hätten sie den Flug verpasst, wären sie eben mit dem Nachtzug nach Moskau gefahren. Oder nach Aalen, dort haben sie ja eh noch eine Rechnung offen. Als sie da waren, endete ihr Spiel 0:0. Torlose Spiele zählen nicht, das ist eine Regel. Da müssen sie noch mal hin. Jasons Augen weiten sich, wenn er die offenen Reiseziele aufzählt. Wie einer, der seit Jahren nicht im Urlaub war und nun im Reisebüro sitzt.

In Glasgow plant er die nächsten Ausflüge: "Das mit dem Thai-Fußball hab ich nicht vergessen, Papsi." Auch gut vorstellen kann er sich ein Fußball-Wochenende an den vier am weitesten nördlich, südlich, östlich und westlich gelegenen Orten Deutschlands, natürlich inklusive der Zugfahrten dahin. Er liebt Züge, denn die schonen die Natur am meisten. Bis auf einen Joker im Jahr reisen Mirco und Jason mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Länder, in denen Jason schon war, fallen aus der Planung für neue Trips raus. Die Clubs, die momentan auf Jasons Liste stehen: TJ Tatran Čierny Balo in der Slowakei, weil dort ein Zug mitten durchs Stadion fährt, das Ottmar-Hitzfeld-Stadion in der Schweiz und das Felsenstadion in Braga. Die hatten gerade allerdings kein Heimspiel oder die Flüge waren zu teuer. Also konnte Jason eines seiner anderen Ziele abarbeiten: Glasgow.

Am Abend vor dem Spiel in Glasgow wissen die beiden noch nicht, wo sie essen sollen. Jason ist es egal, aber er sagt: "Hätten wir drei Restaurants zur Auswahl, würde ich keines auswählen." Um klarzumachen, was er meint, erläutert er das philosophische Gleichnis von Buridans Esel: Ein Esel muss sich für einen von zwei Heuhaufen entscheiden. Beide sind gleich weit entfernt. Der Esel verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann. Sein Vater staunt. Das tut er oft.

Am nächsten Morgen sitzt Jason in der Wohnung an seinem Laptop und notiert sich, wie viele Mittagessen er auf der Tour jetzt schon verpasst hat. Es ist bislang eins. Am Sonntag, wenn der Alltag sich wieder ins Leben drängelt, werden sie zu Hause die verpassten Essen nachholen müssen.