Jetzt muss er erst mal die Busfahrt zum Hampden Park filmen. Am Vormittag ist genug Zeit, um das Fußballmuseum zu besuchen. 1908 kamen 121.00 Zuschauer zum Spiel gegen England. Das Stadion hat die deutsche Luftwaffe überlebt. 1960 verlor Eintracht Frankfurt hier das europäische Clubfinale in einer legendären Nacht 3:7 gegen Real Madrid, 1976 gewannen die Bayern in Glasgow ihren dritten Cup der Landesmeister in Folge. Fotos einer Ausstellung zeigen die Ereignisse, Jason bleibt vor jedem kurz stehen. Das Gebrüll im Stadion kann so laut werden, dass der Hampden Roar noch hinter den vielen roten Klinkerfassaden zu hören ist. Es ist ein bedeutender, für Fußballfans ein kitschig schöner Ort. "Ich mag es, wenn Klischees stimmen", sagt Jason vor dem Stadion. "Auch über dich?", fragt ihn der Vater. "Manches stimmt ja auch", sagt Jason, und geht weiter.

Es geht hinein ins leere Stadion. Mirco filmt ihn auf den letzten Metern. Wie in Hamburg, Prag und Sarajevo. Nie sind Fußballfans aufgeregter, als wenn sie zum ersten Mal in ein Stadionrund blicken. Jason grinst lange, seine Augen tasten sich vom Flutlichtmast zu den leeren Sitzschalen und dem grünen Rasen. Er darf dann auch noch das Imitat eines Pokals hochhalten.

Die Zeit reicht, um vom Stadtzentrum hinaus zum anderen großen Stadion der Stadt zu spazieren, dem Celtic Park, Heimat von Celtic Glasgow. Das dauert eine Weile, an jeder roten Ampel hält Jason. Alle gehen, Jason steht. Manche seiner Regeln ändern sich, wie die mit den Nudeln. Diese aber wird er wohl nie aufgeben. Auch wenn die beiden deshalb ihren Nachtbus um Sekunden verpassen und eine neue Unterkunft suchen müssen, wie damals in Belgrad. Wenn er darüber erzählt, lacht Jason. Sein Vater mittlerweile auch.

Der Celtic Park in Glasgow © Fabian Scheler

Heilig ist auch die Feststellung, dass er kein Kind ist. Während des Celtic-Spiels dürfen sie nicht im Familienbereich sitzen, denn das würde ja genau das bedeuten. Als Mirco Rückfahrkarten für die Bahn kauft und die Kassiererin nur einen Erwachsenenfahrschein unter der Glasscheibe durchschiebt, sagt Jason: "Hä, nein? Das ist falsch!" Mirco muss noch ein zweites Erwachsenenticket kaufen.

Die Reise hätte nicht gezählt, wenn sie nach dem Anpfiff ins Stadion gekommen wären. Noch eine Regel. Ist noch mal gut gegangen. Jason fällt als Erstes die Palästinaflagge im Celtic-Fanblock auf. Das Nächste ist eine über das Spielfeld fliegende Mülltüte. Sie tänzelt im Wind, Jason hat sie fixiert. Immer wenn sie neu aufgeblasen wird und weiterfliegt, lacht er.

Auf die Toilette geht er mittlerweile alleine. "Das macht er erst seit ein paar Monaten", sagt sein Vater. Geht er verloren? "Selbst wenn", bislang hat sich immer jemand gefunden, der ihnen geholfen hat. Ihre Reisen beweisen Jason auch, dass die Menschen aus der anderen Welt nicht alle schlecht sind.

Während des Spiels sammeln sich unter den Sitzen der ersten Reihe leere Chipstüten, zerfledderte Pappbecher und so viel Plastik, dass Jason mit der Fußspitze darin rühren kann wie in einem See. Schnell wird klar, dass Celtic deshalb nicht sein Verein werden kann. "Zu viel Müll", sagt er in der 28. Minute und kann ab da das Spiel genießen. Am Ende steht ein 1:1 und Celtic stellt den 100 Jahre alten Clubrekord ein, 62 Spiele in Folge ungeschlagen zu sein.

Wird auch nicht Jasons Lieblingsverein: Celtic Glasgow. © Fabian Scheler

Abends im Restaurant gibt es vegetarische Burger, die so groß sind, dass Jason seinen nicht schafft. Normalerweise würde er jetzt dem Vater nahe legen, den Burger schleunigst aufzuessen. Nichts darf weggeworfen werden. Nimmt die Bedienung den Teller mit, weiß er nicht, was mit dem Essen passiert.

Sie macht es, doch Jason protestiert nicht. Das gab es noch nie. 

Erst am nächsten Morgen, im Bus auf dem Weg zum Flughafen, spricht ihn Mirco darauf an. Sie machen das häufig, der Vater fragt den Sohn dann, wie er die Situationen erlebt hat. Es sind ihre persönlichen Therapiegespräche. Sehr wohl habe er das mitbekommen, sagt Jason, weswegen das Restaurant mit einer miserablen Bewertung bei Tripadvisor rechnen kann. Der Vater will das jetzt genauer wissen: Ob er da nicht etwas verändert habe, fragt er, um das Wort Regelbruch zu vermeiden. "Auf gar keinen Fall, die Bedienung war einfach unhöflich."

Beim nächsten Mal wird er einfach weiteressen, bis er Bauchschmerzen hat, sagt Jason. Der Vater lächelt. Sein Sohn hat wieder einen Schritt gemacht, wieder hat er auf einer der Fußballtouren eine Situation gemeistert, an der er im Alltag gescheitert wäre. So geht das ständig. Sie erschließen sich den Fußball auf ihre eigene Art, gewinnen neue Freunde und lernen, mit der Behinderung zu leben. Sie gucken keinen Fußball, sie erleben ihn. Bis heute gibt es für den schottischen Burgerladen bei Tripadvisor keine schlechte Bewertung von Jason. Es scheint ihm doch gefallen zu haben.