Als Thomas Müller ausgewechselt wurde, erhoben sich auch ein paar Leute auf der Leverkusener Haupttribüne. Vielleicht waren es Bayernfans, die tummeln sich oft im ganzen Stadion, gerne in Lederhosen oder im Dirndl, als kämen sie direkt aus dem Hacker-Zelt statt mit der S-Bahn aus Köln-Nippes. Doch es ist davon auszugehen, dass auch Leverkusener Fans diesem Thomas Müller applaudierten. Wie könnten sie auch nicht?!

Müller hatte in einem wilden, herrlich unterhaltsamen Fußballspiel Sekunden vorher das 6:2 gemacht. Sein drittes Tor in dieser Partie, ein typischer Müller. Ein langer Freistoß von Thiago, den Müller erst annahm, sich dann sonderbar um seinen Gegenspieler Benjamin Henrichs wickelte (der sich zugegebenermaßen reichlich doof anstellte) und den Ball dann ins Tor schob. Bei Müller, dem Mann mit den Zahnstocherbeinchen, sieht es ja immer so aus, als ob er sich bei seinen Bewegungen alle Bänder und Kapseln und Knorpel und alles, was es noch so in einem Gelenk gibt, kaputt macht. Aber irgendwie tut er sich nie weh, und irgendwie liegt der Ball danach im Tor.

Das Bemerkenswerteste an Müller ist aber etwas anderes: Er will immer noch ein Tor mehr schießen. Man musste nur in sein Gesicht schauen, wenn er sich über einen Treffer freute. Andere lächeln oder machen Faxen, die sie vorher aufwendig vor dem Spiegel geübt haben. Müller dagegen hat den Mund weit aufgerissen, die Augen zusammengekniffen, über der Nase bildet sich eine Jubelfalte. Als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt, als Bayer Leverkusen genau dieses 6:2 einzuschenken. In Müllers Welt gibt es tatsächlich nichts Wichtigeres. Es ist genau diese Gier, die den FC Bayern gerade so stark macht.

Es wurde in den vergangenen Wochen viel analysiert, warum es im deutschen Fußball so langweilig zugeht. Der FC Bayern ist mal wieder früh Meister geworden, mit derzeit 20 Punkten Vorsprung, mal sehen, wie viele es noch werden. Die Bayern sind zu gut, heißt es hier. Die anderen zu schlecht, heißt es dort. Hier und da wird überlegt, wie man den Vorsprung der Bayern wieder verknappen könnte. Schließlich schauen die meisten Leute Fußball, weil sie vorher nicht wissen, wie es ausgeht. Bei Spielen des FC Bayern gegen andere deutsche Mannschaften gilt das nicht mehr.

Dieses DFB-Pokalhalbfinale, so hofften vorher viele, hätte eine Ausnahme werden können. Leverkusen ist immerhin Dritter, hatte einen kleinen Lauf (je 4:1 gegen Leipzig und Frankfurt), gilt als junge und talentierte Truppe und spielte zu Hause. Über die ganze Saison gesehen, über 34 Spiele also, sind die zu reichen, zu guten Bayern nicht zu schlagen. Aber in diesem einem Spiel vielleicht ja doch.

Es klappte nicht. 6:2 hieß es am Ende. Und warum? "Beeindruckend ist, dass die dann nicht aufhören. Die haben diese Gier, die machen immer weiter", sagte Leverkusens Trainer Heiko Herrlich. "Jupp Heynckes hat es geschafft, dass alle in der Mannschaft gierig sind. Das zeichnet uns aus", sagte Thomas Müller und schaute so von Sinnen, als würde er gleich noch ein paar Balljungen verspeisen.

Also Frage an Jupp Heynckes: Wie man es schafft, diese Gier zu entfachen? Kurz wirkt der Trainer der Bayern, als wüsste er nicht genau, was er antworten soll. Dann sagt er: "Das sind die Ansprachen vor der Truppe, das sind die Einzelgespräche. Das Geheimnis ist aber, dass wir täglich hart arbeiten. Alle Elemente, die wir im Spiel sehen, sind auf dem Trainingsplatz erarbeitet." Und: "Die Spieler haben Hunger auf Erfolg. Und sie sind natürlich auch richtig gut."