Es wird zunächst alles sein wie früher: Ein Mittwochabend im Frühjahr, etwa 80.000 fanatische Zuschauer werden ins Giuseppe-Meazza-Stadion von Mailand kommen, vor dem Fernseher sitzen weltweit ein paar Hundert Millionen. Über das Spielfeld wird sich im Mutterland der Ultras pünktlich zum Anpfiff am Mittwochabend um 18:30 Uhr ein dichter Pyronebel legen, die Choreografien werden aufwendig sein, die Fankurven geschmückt. Derbyzeit in Mailand, Associazione Calcio, AC, gegen Internazionale, Inter; das Derby della Madonnina ist eines der bekanntesten Stadtduelle in Europa.

Nur: Der Anlass will nicht so recht zum Selbstverständnis der beiden international erfolgreichsten Clubs des Landes passen. Während die Mailänder ein Nachholspiel ihrer Liga bestreiten, kämpfen in Barcelona und Liverpool europäische Spitzenteams um den Einzug ins Champions-League-Halbfinale. Ein Fehler in der Geschichte für die Tifosi, der sie an bessere Zeiten zurückdenken lässt.   

Man begegnete sich mit Respekt

Etwa an die Jahre 2003 und 2005, als die Stadtmeisterschaft selbst noch ein Halb- oder  Viertelfinale in der Champions League gewesen ist. Es waren wirklich andere Zeiten damals, die Clubs gehörten anderen Menschen: Ein Händedruck auf der Ehrentribüne galt als Sinnbild für Grandezza und Sicherheit. Selbst Milan-Präsident Silvio Berlusconi wurde in der Loge seiner eigentlichen Rolle als Staatsmann gerecht. Für den anderen, Inter-Präsident Massimo Moratti, stellten sich Stilfragen erst gar nicht. Die Nerazzurri waren sein wichtigstes Familienerbstück, kostbarer als das Ölimperium, um das er sich nach dem Tod seines Vaters Angelo sowieso nur zu kümmern schien, damit er den Fans jedes Jahr neue Stars präsentieren konnte. Die beiden Patriarchen ließen sich ausgiebig feiern nach Triumphen, stellten sich der Öffentlichkeit aber immer auch in Krisen. Man begegnete sich mit Respekt, sowohl auf dem Rasen als auch in den Logen.

Inzwischen gehören die Traditionsclubs Investoren aus China. Angefangen bei der öffentlichen Kommunikation ist mittlerweile vieles anders. Entscheidungen der Manager aus China stehen nun nicht mehr dauerhaft unter medialer Beobachtung der drei großen Sportzeitungen, einfach weil die Chinesen kaum über ihr Investment reden. Die öffentliche Kommunikation übernehmen nicht mehr die Eigentümer, sondern nur noch Angestellte wie Milan-Geschäftsführer Marco Fassone.   

Der 54-Jährige arbeitete zuvor bei Inter und verstößt regelmäßig gegen einen wichtigen Grundsatz im Verhältnis zwischen den beiden Stadtrivalen, nämlich den der gegenseitigen Wertschätzung. "Inter ist wie eine schöne Frau", sagte Fassone vor dem Derby, "ein bisschen naiv, ein bisschen unorganisiert."

Milan verstößt gegen die Etikette

Als nach dem tragischen Tod von Fiorentina-Kapitän Davide Astori Anfang März der Spieltag mit dem Derby abgesagt wurde und der Nachholtermin feststand, ließ Fassone mitteilen, dass Milan als einziger Club in der Serie A keine Tickets zurückerstatten werde. Stattdessen erhalten die Tifosi einen Gutschein für ein Milan-Heimspiel nach Wahl. "Für die Fans im Gästeblock macht diese Lösung natürlich noch weniger Sinn", schrieb Inter daraufhin in einer offiziellen Stellungnahme und kündigte an, verhinderte Zuschauer nun eben selbst entschädigen zu wollen.

Geschichten wie diese wirken bei Fassone inzwischen wie der verzweifelte Versuch, um von den wahren Problemen bei Milan abzulenken. Fast 200 Millionen Euro hat Milan im Sommer für neue Spieler ausgegeben. Das ließ sich Berlusconi beim Verkauf an den Chinesen Yonghong Li vertraglich zusichern. Ansonsten nimmt es der Geschäftsmann aus China mit Abmachungen oder Zahlungsfristen nicht allzu genau.