Bevor sie nach dem Schlusspfiff in den Treppenhäusern verschwanden, blickten viele HSV-Fans noch einmal ins Rund des Volksparkstadions. In ihr Stadion, in dem bald Sandhausen und Heidenheim die Gegner sein werden. Andere lehnten über dem Geländer und starrten aufs leere Spielfeld. Und wieder andere waren einfach sitzen geblieben, kraftlos. Manche hatten feuchte Augen, andere wischten sich die Tränen mit ihrem blau-weißen Schal aus dem Gesicht. Frauen nahmen ihre Männer in den Arm. Jeder Abstieg ist ein kleiner Tod.

Der Abstieg des Hamburger SV ist kein gewöhnlicher Abstieg. Die Bundesliga ohne den HSV, das gab es noch nie. Daran wird man sich erst gewöhnen müssen. Auch wenn einem der Club seit vielen Jahren auf den Keks ging, weil er immer schlecht spielte und wie ein Untoter nie vergehen wollte: In den vergangenen Wochen hat sich etwas geändert. So viel, dass Gladbachs Trainer Dieter Hecking nach dem Spiel sagte: "Der HSV hat gezeigt, dass Fußball Spaß machen kann, auch wenn man absteigt."

54 Jahre, 262 Tage, 0 Stunden, 35 Minuten. So lange spielte der HSV in der Bundesliga. Seit immer also. Damit das niemand vergaß, haben sie in Hamburg schon vor vielen Jahren eine Uhr in eine Stadionecke gehängt, die eben das anzeigt. Bei der Uhr ist leider nicht ganz klar, ob sie die Mannschaft eher beflügelte oder lähmte, weil es ja auch eine Bürde sein kann, ständig die Geschichte im Blick zu haben.

Tag der letzten Male

Über die Uhr machten sich zumindest viele lustig. An diesem Tag auch die Fans des Gegners aus Mönchengladbach, die eine Banderole mitbrachten, die der Uhr sehr ähnlich sah. Sie aber lief rückwärts und wurde per Hand auf den neuesten Stand gebracht und irgendwann zeigte sie an, dass die letzte Minute des HSV in der Bundesliga angebrochen war.

Das war kurz vor Schluss, der HSV führte 2:1. Er spielte ordentlich, war nicht schlechter als das Mittelklasseteam aus Gladbach. Nur nutzte ihnen das nichts. Der direkte Konkurrent aus Wolfsburg musste verlieren, führte aber selbst 3:1. Der HSV hatte das Pech, dass Wolfsburg am letzten Spieltag auf den bereits abgestiegenen Tabellenletzten aus Köln traf, der keine Anstalten machte, dem HSV zu helfen. Da waren auch die Köln-Gesänge umsonst, die einige Fans schon auf der Bahnfahrt zum Stadion anstimmten. "Der Abstieg wurde nicht heute entschieden", war ganz sicher der häufigste Satz im Großraum Hamburg an diesem Samstag. Noch vor: "Morgen wieder segeln auf der Außenalster?"

Es war der Tag der letzten Male. Das letzte Mal sang Lotto King Karl auf seiner leicht albernen Hebebühne von Hamburg, seiner Perle. Das letzte Mal kehrten die Fans in der Unabsteigbar ein, jener HSV-Kneipe samt Biergarten direkt am S-Bahnhof Stellingen, in der sie sich mit Bier und Wurst eindecken. Die Tränke hat nun ein Namensproblem.

Wie tief sich der Abstieg des HSV in die Bundesligageschichte hineinfräst, erkennt man auch daran, dass die Hamburger mit dem Sieg gegen Gladbach vorbei am BVB auf Rang drei der ewigen Tabelle zogen. Und man erkennt es an den vielen illustren Namen, die auf den Trikots der Fans standen: van Nistelrooy, Barbarez, Zé Roberto, Kompany, van der Vaart, na gut, auch Westermann. Einer hat sich "Seeler" aufs aktuelle Trikot flocken lassen.