In der 94. Minute pfiffen die so stolzen Madrilenen für einen kurzen Moment auf ihre Würde. Die Fans von Real bejubelten ausgiebig, dass einer ihrer Jungs einen Bayernspieler absichtlich anschoss. Das würde eine Ecke geben, das würde Zeit bringen; Zeit, um zu verschnaufen. Die Fans von Real Madrid also, die Fans des Titelverteidigers, die Fans des größten und womöglich besten Vereins der Welt, die Fans der Königlichen, die von ihrem Klub erwarten, dass er den edelsten Fußball spielt, sie freuten sich diebisch über eine Aktion, die sonst nur die Anhänger unterklassiger Außenseiter beklatschen. Angeschossen, Ecke, olé! So weit hatten die Bayern ihren Gegner also. Weit, aber nicht weit genug.

Der FC Bayern muss sich aus der Champions League verabschieden. Das 2:2 im Stadion Bernabéu hat nach dem 1:2 im Hinspiel nicht gereicht, ein Treffer hat den Münchnern gefehlt in einem abenteuerlichen Fußballspiel voller Torchancen und Tempo. Es war eines dieser Spiele, während derer man sich nicht traut, aufs Klo zu gehen, aus Angst, etwas zu verpassen. Eine nicht makellose, aber hinreißende Partie, die aus Münchner Sicht nur einen Fehler hatte: Eigentlich hätte der FC Bayern weiterkommen müssen.

Bayern München - »Wir waren die bessere Mannschaft« Das Team von Bayern München ist in der Champions League gegen Real Madrid ausgeschieden. »Es war ein Spiel auf Weltklasseniveau, überwiegend von uns diktiert«, sagte Münchens Trainer Jupp Heynckes. © Foto: Kai Pfaffenbach, Reuters

Bayern weist in allen relevanten Rubriken die besseren Werte auf

"Wir haben das Spiel gefühlt im Sechzehner von Real verbracht", sagte Mats Hummels. "Sehr, sehr ärgerlich, dass wir hier rausgeflogen sind", sagte Niklas Süle. Und Jupp Heynckes sagte: "Wenn man beide Spiele zusammen sieht, waren wir die bessere Mannschaft." Das kann man so sehen. Muss man aber nicht. Wer sich zunächst über die Statistikzettel beugt, den smarte Uefa-Mitarbeiter in gut sitzenden Anzügen nach dem Spiel an die Journalisten verteilen, erkennt, dass Bayern in allen relevanten Rubriken die besseren Werte aufweist: 57 Prozent Ballbesitz, 11:6 Ecken, 20:9 Torschüsse, davon 8:3 aufs Tor. Im Hinspiel sahen die Zahlen bereits ähnlich aus.

Und doch lässt sich nach diesen beiden Spielen herrlichst fußballphilosophisch debattieren: Was bedeutet es eigentlich, besser zu sein? Ist eine Mannschaft, die häufiger den Ball hat und sich mehr Chancen herausspielt, wirklich besser? Oder ist es die, die ihre Chancen nutzt, auch wenn sie viel weniger hat? Oder ist gar die Mannschaft besser, die nicht etwa mehr richtig macht, sondern weniger falsch? Und wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen Pech und Unvermögen?

In der Tat machte der FC Bayern in Madrid ein fantastisches Fußballspiel. Joshua Kimmich traf schon in der dritten Minute zum 1:0 gegen seinen neuen Lieblingsgegner. Fortan dominierten James Rodríguez, Thiago und Tolisso im Mittelfeld, sodass man nur vermuten konnte, die Real-Zentrale um Toni Kroos hatte sich am Tag der Arbeit freigenommen, um mit der Nelke im Knopfloch für stressfreiere Champions-League-Abende zu demonstrieren.

Den Real-Fans wurde etwas fröstelig zumute

Schon in der ersten Halbzeit gingen im Stadion die Heizstrahler an, die von den Tribünendächern hängen. Das lag nicht nur an dem für spanische Verhältnisse recht kühlen Frühlingsabend, sondern auch daran, dass den Real-Fans früh etwas fröstelig zumute wurde, wenn sie auf den Rasen schauten.

David Alaba und Franck Ribéry stürmten so oft von links in den gegnerischen Strafraum, als spielten sie gegen den FC Augsburg. In der Abwehr stocherte Mats Hummels den Herren Ronaldo und Benzema wiederholt den Ball von den Füßen und einmal preschte er wie einst Lúcio oder Lothar Matthäus mit langen Schritten durchs Mittelfeld, nur um mit anzusehen, wie seine Vorderleute die Chance vertaten. Selbst Niklas Süle, der Kleiderschrank aus Hoffenheim, mimte den beweglichsten Kleiderschrank, der je in einem Champions-League-Halbfinale auflief. Einmal blockte er einen Schuss Ronaldos mit einer Grätsche, von der der Weltfußballer noch träumen wird. Also Ronaldo jetzt.

FC Bayern machte zwar viel, aber eben auch Fehler


Doch all das bajuwarische Engagement nützte nichts. Zum einen, weil der FC Bayern zwar viel machte, aber eben auch Fehler. Den gröbsten verbockte der Torhüter Sven Ulreich, als er in der zweiten Halbzeit nur 20 Sekunden nach Wiederanpfiff mit einem Rückpass von Tolisso überfordert war. Erst sah es so aus, als wollte Ulreich den Ball in die Hand nehmen, ehe ihm einfiel, dass das ja verboten war. Wohl etwas geschockt von dieser plötzlichen Erkenntnis grätschte der Torhüter ins Leere, Benzema musste den Ball nur noch über die Linie kullern. Ein Fehler wie aus einem Slapstickfilm. Gegen Real war es schon der Zweite, im Hinspiel hatte Rafinha die Orientierung verloren. Diesen beiden Missgeschicken liefen die Bayern quasi ständig hinterher. Real macht so was nicht.

Zudem flogen wie im Hinspiel nur drei Bälle aufs Münchner Tor, zwei davon waren drin. Das nennt man Effektivität. Real Madrids Spiel sieht, vor allem wenn sie in Führung liegen, immer etwas tantig aus. Nach dem Motto: Reicht, lasst nach Hause gehen, das Ding ist doch entschieden. Mitunter schläfern sie sich manchmal auch selbst ein. Doch sind sie dann einmal vor dem Tor, scheppert es meist. Im Gegensatz zu den Bayern, bei denen Aufwand und Ertrag in keinem allzu guten Verhältnis standen.

Zirkusreife Minuten vor Abpfiff

Vor allem gegen Ende des Spiels ließen die Münchner viel liegen. Die Minuten kurz vor dem Abpfiff waren ohnehin zirkusreif. Reals Asensio etwa fiel beim Laufen einfach mit dem Ball um wie ein verkaterter Kreisligafußballer, er hatte Krämpfe. Mats Hummels und Javi Martínez fanden sich plötzlich als Außenstürmer wieder und zeigten, warum es dafür Spezialisten gibt. Und im Strafraum stürmte neben Lewandowski nun auch Sandro Wagner. Jener Sandro Wagner, vor zwei Jahren noch beim SV Darmstadt 98, beschäftigte nun die Abwehr von Real Madrid. Auch ein Satz, der sich seltsam anfühlt, wenn man ihn in die Tastatur tippt.

Bis zum Strafraum machten die Bayern ein großartiges Spiel, dann nicht mehr. Sie sahen sich dabei auch, das muss man fairerweise sagen, der besten Innenverteidigung der Welt gegenüber. Aber sind vergebene Chancen nur Pech? Oder steckt mehr dahinter? "Sicher fehlt dann die letzte Konzentration. Ich bin ja nun selbst Spieler gewesen. Ich weiß, wenn man als Stürmer sehr viel unterwegs ist, wenn man immer hohes Tempo gehen muss, fehlt auch die letzte Konzentration und die Kraft, vorne abzuschließen", sagte Jupp Heynckes.

Konzentration und Kraft also, das ist gut möglich, vor allem wenn man wie die Bayern 150 von 180 Minuten einem Rückstand hinterherläuft. Doch drängt sich nach diesen beiden Spielen auch der Gedanke auf, dass das zuverlässige Vergeben von Tormöglichkeiten auch eine Frage der Qualität sein könnte. Dass es an den letzten zwei Prozent fehlen könnte, die auf diesem Niveau dann eben doch den Unterschied machen. Dass die Details entscheiden. An dem Zuspiel im Strafraum, das eben genau kommen muss und nicht 20 Zentimeter zu kurz oder lang. An der richtigen Entscheidung, ob der Ball nun auf den vorderen oder hinteren Pfosten oder den Elfmeterpunkt gespielt wird.

Der Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Mannschaft

Zu treffen, wenn es wirklich wichtig ist, das ist der Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Mannschaft, zwischen einem guten und sehr guten Stürmer. Der gute Stürmer zögert hier ein wenig zu lange, dreht sich dort in die falsche Richtung, trifft da die falsche Entscheidung. Der sehr gute Stürmer schießt den blöden Ball ins Tor.

So wird auch nach diesem Spiel wieder über Robert Lewandowski diskutiert werden. Der Torschützenkönig der Bundesliga fiel wie schon im Hinspiel nur auf, wenn er sich beim Schiedsrichter beschwerte oder mal wieder an Sergio Ramos abprallte. Gegen den Hamburger SV traf er dreimal in einem Spiel, die Bundesliga langweilt ihn längst. Doch wenn es darauf ankommt, in diesen vermaledeiten Wochen im Frühjahr, fehlt das letzte Bisschen. Niemand ist derzeit so sehr der FC Bayern wie Robert Lewandowski.