Dieser Fußballbericht beginnt mit einem Widerruf. Wir schrieben jüngst: Sergio Ramos ist ein toller Verteidiger, zudem tritt er seine Gegner nicht mehr so oft und fest wie früher. Das Erste können wir stehen lassen, das Zweite nach diesem Champions-League-Finale nicht.

Ramos war wieder mal die entscheidende Figur, allerdings weniger wegen seiner guten Tacklings und anderer Rettungseinlagen. Sondern weil er zwei Gegenspielern mit Fiesheiten begegnete. Mohamed Salah rang er zu Boden und renkte ihm die Schulter aus. Dem Tormann Loris Karius gab er einen mit dem Ellenbogen mit. Beide Male maskierte Ramos seine Taten recht erfolgreich, beide Male blieb er unbestraft. Er verhalf damit sogar seinem Team zum dritten Champions-League-Sieg nacheinander.

Dieses ereignisreiche Finale zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool hatte gleich drei Hauptfiguren: den tragischen Helden Salah, den komischen Helden Karius und den Schurken Ramos. Ausgerechnet der gewann.

Wer ein Herz hat, fühlte mit Salah

Die wichtigste Szene des Spiels: das Lauf- und Ringduell zwischen Ramos und Salah. Man kann nicht mit Gewissheit sagen, dass Ramos den besten Spieler Liverpools verletzen wollte. Das machen Fußballer in der Regel anders, mit den Füßen halt. Außerdem hatte auch Salah einen kleinen Anteil daran, dass sich die beiden Arm in Arm einhakten. Es sah auf den ersten Blick zudem harmlos aus, die Leute im Stadion waren zunächst bloß sauer, weil Ramos den Freistoß zugesprochen bekam. Doch in der Endphase dieses Ziehens und Klammerns agierte Ramos mehr wie ein Judoka, vielleicht hatte es auch etwas von Mixed Martial Arts. Sagen wir mal: Er hat den Schmerz des Gegners in Kauf genommen.

Der Star Liverpools spürte ihn mit Verzögerung. Plötzlich lag er auf dem Rasen. Auf den Monitoren im Stadion konnte man seine Lippen lesen: "My shoulder". Tränen stiegen ihm in die Augen. Stille im Stadion. Wer ein Herz hat, fühlte mit. Ronaldo, dem Ähnliches im EM-Finale 2016 widerfahren war, tätschelte Salah den Kopf.

Ramos' Foul war eine Schlüsselszene

Das Spiel war fortan ein anderes, in jeder Hinsicht. Zigtausende Fans der Reds hatten schon tagsüber und in der Nacht davor in der City am Euromaidan, an der Sophienkathedrale, am Großen Tor von Kiew Hymnen auf ihre aktuelle Mannschaft, aber auch viele ehemalige Helden gesungen. Während des Spiels verlegten sie dann die Anfield Road in die Ukraine. Besser, lauter, wacher, gleichzeitig fachkundiger kann ein Publikum kaum sein. Liverpools Fans machten dieses Finale zu einem Heimspiel in Kiew.

Bis sie in der 30. Minute verstummten. Erst beim Ausgleichstor erwachten sie wieder, zeigten aber nie wieder dieselbe Zuversicht wie zu Beginn. Wie die Fans, so die Mannschaft. Griff die Klopp-Elf zunächst erfrischend an, verlor sie ohne ihren Torjäger Präzision und Mut. Ramos' Foul an Salah war eine Schlüsselszene.

Ob Ramos' Foul an Loris Karius auch eine solche war, weiß man nicht. Wahrscheinlich war die Aktion bloß hässlich, zumal Ramos zu dieser Zeit ja schon wusste, dass er einen Gegenspieler auf dem Gewissen hatte. In jedem Fall beging Karius kurz darauf den Fehler seines Lebens. Er fing einen langen Pass ab, nahm den Ball und wollte das Spiel schnell eröffnen. Dabei warf er Karim Benzema an, von dessen Bein der Ball ins Tor trudelte. Der Franzose übt auf deutsche Torhüter offenbar eine irritierende Wirkung aus, machte ihm doch schon Bayerns Sven Ulreich im Halbfinale den Weg frei.

Kreisliga? Das sah eher nach Schulhof aus

Was man nicht für denkbar gehalten hatte: Karius konnte Ulreich toppen. Man sagt nach solchen Aussetzern manchmal, das war Kreisliga. In diesem Fall täte man Millionen Kreisligisten unrecht. Das sah eher nach Schulhof aus. Viele im Stadion sahen die Szene erst gar nicht, weil der Angriff beendet schien. Dann lief sie als Wiederholung auf der großen Leinwand und man hörte das Erschrecken der Massen. Karius beschwerte sich beim Schiedsrichter, aber keiner wusste, worüber.

Tölpelhaft sah er auch beim 3:1 aus. Der Schuss von Gareth Bale war zwar fest, aber aus großer Distanz und genau in seine Arme gezielt. Doch ein Anfall von Morbus Flatter und drin war der Ball. So was war ihm schon im Halbfinale gegen Rom passiert, da hüpfte der Ball jedoch noch gegen die Latte.

Schon der erste Fehler allein war historisch. Dass ein Keeper in einem solch wichtigen Spiel allerdings gleich zweimal die Hände voller Seife hatte, war zu viel für manche. Fans im Stadion stellten die Szene gestisch nach, indem sie ihre Hände aneinander vorbeiklatschten. Gar nicht, um Karius zu veralbern. Mehr aus Fassungslosigkeit. Die letzten Minuten verfolgten viele Fans mit offenem Mund, sie waren regelrecht betroffen. Als hätten sie einen schweren Autounfall beobachtet.