"Nichts ist unergründlicher als die Oberflächlichkeit." Wie wahr. Und welcher wache Fan würde bei dieser Sentenz nicht sofort an Cristiano Ronaldo denken? Stürmer bei Real Madrid, mehrfacher Champions-League-Sieger, Solo-Europameister und ohne Zweifel der kompletteste Fußballer des Planeten.

Als Mensch wie Fußballer bleibt der bereits heute mythische Portugiese indes eine verstörende Gestalt. Und das nicht nur, weil er die Bayern beim heutigen Halbfinalrückspiel erneut aus dem Wettbewerb zu ballern droht.

Ronaldo erweckt zwar weltweit Bewunderung, aber kaum Sympathie. Er genießt Achtung, aber nicht Respekt. Trotz allen Reichtums und Könnens ist der primäre emotionale Bezug zu ihm eher Mitleid als Neid. Kein Fan jedenfalls bewundert Ronaldo so bedingungslos wie er sich selbst. Und nur ein Kind wird sich ernsthaft wünschen, so zu sein und zu leben wie er – der doch selbst wesentliche Schritte in das Erwachsenendasein ausgelassen oder, plausibler, nie als solche wahrgenommen zu haben scheint.

Wie sein ewiger Leistungszwilling Lionel Messi stellt uns Ronaldo vor die Frage, ob der Preis für die einzigartige Entwicklung eines einzigartigen sportlichen Talents darin liegen muss, nie als urteilskräftige Person ins Leben zu treten. Schließlich bedrückt einen bei Ronaldo die Ahnung, er habe nicht etwa einen schlechten Charakter als vielmehr gar keinen.

Bleiben wir fair: Vom Regelwerk her betrachtet ist Cristiano Ronaldo ein vorbildlicher Sportsmann. Weder neigt er zum Nachtreten noch zu schmutzigen Haltetricks. Er wird so gut wie nie vom Platz gestellt, foult äußert selten, und wenn, dann nie verletzungsgefährdend. Anspucken, Trashtalk, Ellenbogenchecks – nie sein Ding gewesen. Die Nickeligkeiten der überforderten Gegenspieler nimmt er zwar nicht widerstandslos hin, doch stets ohne Arg und Hass.

Das Genie der unbegrenzten Möglichkeiten

Noch tadelloser zeigt sich, nach allem, was sich glaubhaft vernehmen lässt, sein Trainingsethos. Tägliche Sonderschichten sind bei ihm Normalfall. Höchste Professionalität paart sich mit einem Drang zur Verfeinerung seines ohnehin atemraubenden Repertoires. So gibt es tatsächlich keinen Bereich, in dem er als Stürmer nicht absolute Weltklasse verkörpert. Ob Ballannahme oder Tempodribbling, beidfüßige Schusstechniken aller Art, Passspiel, Flankenpräzision, Qualitäten bei Freistößen wie Elfmetern, nicht zu vergessen sein überragendes Kopfballspiel. Und ja: Fallrückzieher kann er auch!

Ronaldo erreicht in sämtlichen Leistungsbereichen einsame Spitzenwerte. Weshalb bei objektiver Betrachtung auch klar er – und nicht Lionel Messi – als der überragende Fußballer der letzten zehn Jahre zu gelten hat. Ronaldos Repertoire ist schlicht breiter. Seine Physis beeindruckender, seine Quoten nicht schlechter und seine Qualitäten, die eigene Mannschaft (gerade auch die Nationalmannschaft) in entscheidenden Spielen zu tragen, ausgeprägter.

Was Messi als Spieler ausmacht, könnte keinem Menschen je beigebracht werden. Er ist ein genialer Sonderling und Solitär. Ronaldos lehrbuchmäßiges Können hingegen scheint trainierbar, also vernünftig anzustreben. Messi ist der Gigant der begrenzten Unmöglichkeiten. Ronaldo ist das Genie der unbegrenzten Möglichkeiten.