ZEIT ONLINE: Herr Bauermann, Dirk Nowitzki spielt seit 1998 für die Dallas Mavericks, derzeit eines der schlechtesten Teams der NBA. Sein Vertrag läuft bis 2019. Soll er sich eine weitere Saison Profibasketball wirklich antun?

Dirk Bauermann: Von Antun kann keine Rede sein. Dirk spielte eine sehr gute Saison, wenn auch in keiner guten Mannschaft. Er hat kaum Spiele verpasst, gesundheitlich ist er noch voll da. Er braucht keine kluge Einschätzung, wie es für ihn weitergeht. Das kann er selbst entscheiden.

ZEIT ONLINE: Nowitzki könnte in der kommenden Spielzeit mit 21 Jahren im Dienst einer Mannschaft den NBA-Rekord knacken. Aber wäre es nicht reizvoller, noch ein Jahr zu einem Favoriten zu gehen – mit der Chance auf seinen zweiten Titel?

Bauermann: Nein, darum geht es ihm nicht. Dirk ist einer der loyalsten Spieler, die ich kennengelernt habe. Das ist ein Wert, der sicherlich etwas verloren geht. Dass Dirk sich so loyal den Mavericks gegenüber verhält, finde ich großartig.

ZEIT ONLINE: Sie haben Nowitzki als Jahrtausendtalent bezeichnet. Was macht ihn dazu?

Bauermann: Ganz vieles. Das unglaubliche Talent für die Sportart: Hand-Augen-Koordination, Ballgefühl, die Koordination bei einer Größe von 2,13 Metern. Dann der unbedingte Wille, zu jedem Zeitpunkt die bestmögliche Version seiner selbst zu sein, sich auch noch mit 36, 37 Jahren im Sommer zu schinden. Und natürlich die extreme menschliche Qualität. Wer ihn als Freund hat, kann sich nur selbst beglückwünschen.

ZEIT ONLINE: Sie waren acht Jahre lang Bundestrainer. Wie haben Sie die Arbeit mit ihm erlebt?

Bauermann: Es war Freude und Herausforderung zugleich. Dirk ist einer, der sich immer hundertprozentig einsetzt. Einer, den man nie treiben muss. Ganz im Gegenteil. Er hat enorm viel an seinen Fähigkeiten gearbeitet und damit ein Beispiel für alle anderen Nationalspieler gesetzt, gerade für die jüngeren. Ich habe ihn sehr kooperativ im Umgang erlebt, aber auch als Spieler – das ist bei allen Großen so –, der viel erwartet und fordert. Nicht nur vom Umfeld und den Mitspielern, sondern auch von seinem Trainer.

ZEIT ONLINE: Hat er Sie und seine Teamkollegen auch mal überfordert?

Bauermann: Dirk hat immer Höchstleistung von allen erwartet, auch von sich selbst. Überfordert hat er niemanden, auch seine Mitspieler nicht. Aber er hasst Indifferenz, mangelnden Einsatz, Egoismus und vor allem Niederlagen. Da konnte er schon mal böse werden.

ZEIT ONLINE: Normalerweise lernt der Spieler vom Coach. Haben Sie dem NBA-Profi etwas beibringen können?

Bauermann: Ich glaube nicht, dass er irgendwas von mir lernen konnte. Wir haben nur versucht, möglichst optimale Bedingungen zu schaffen, damit er seine Leistung abrufen konnte.

ZEIT ONLINE: Und umgedreht: Hat Nowitzki Sie etwas gelehrt?

Bauermann: Ja. Die Fähigkeit, sich auf die ganz besonderen Moment mit laserscharfem Fokus zu konzentrieren und immer die innere Ruhe zu behalten.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen gemeinsamen Moment, der besonders haften geblieben ist?

Bauermann: Wie er nach der erfolgreichen Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 in Peking (Nowitzkis einziger Olympiaauftritt/d. Red.) in der Umkleidekabine mit dem Handtuch über dem Kopf zutiefst gerührt war. Das war der schönste Eindruck, weil das gezeigt hat, wie wichtig ihm, dem NBA-Profi, die Nationalmannschaft und die Qualifikation waren. Im Übrigen ein großer Moment für uns alle.

ZEIT ONLINE: Nur wenige Europäer werden in der NBA zum Star. Arvydas Sabonis, Dražen Petrović, Tony Parker, Pau Gasol: Ist Nowitzki der beste europäische Basketballer überhaupt?

Bauermann: Aus meiner Sicht schon. Und nicht nur das: Er ist einer der besten Basketballer aller Zeiten.