Wild schnaubend galoppiert Iquitos an der Menge vorbei. Noch 400 Meter. Kraftvoll marschiert er nach vorne, wird immer schneller, holt auf. Als der fünfjährige Hengst auf die Zielgerade einbog, lag er noch am Ende des Feldes. Noch 200 Meter. Angetrieben von seinem Jockey Daniele Porcu zieht Iquitos an den Konkurrenten vorbei. Auf der Galopprennbahn in München-Riem wird es immer lauter. Die Besucher wedeln mit ihren Wettscheinen, feuern ihre Favoriten an. Noch 100 Meter. "Guignol gegen Iquitos", schallt die Stimme des Rennbahnsprechers aus den Lautsprechern. "Guignol vor Iquitos … Guignol … Iquitos … Guignol … Guignol … Guignol schafft es vor Iquitos!"

Einige Zuschauer reißen vor Freude die Arme in die Höhe, andere knüllen ihren Wettschein in die Mülltonne. Nur knapp muss sich Iquitos an diesem Novembertag geschlagen geben. Guignol dagegen trabt wenige Minuten später unter dem Jubel der Zuschauer zum Absattelring. "Mehr Applaus", fordert Filip Minarik, der auf dem Rücken des fünfjährigen Hengstes aus dem Stall Ullman soeben zum Sieg im Großen Preis von Bayern geritten ist. Mit dem Erfolg im letzten Gruppe-I-Rennen der europäischen Rennsaison – die bedeutendste Rennklasse im Galopprennsport – bringt Guignol seinem Besitzer etwa 100.000 Euro Preisgeld ein. Zudem sichert sich der Hengst den Titel der German Racing Champions League, einer im Jahr zuvor eingeführten Rennserie, die aus den elf wichtigsten Galopprennen Deutschlands besteht.

Guignol kümmert sich in diesem Moment jedoch wenig um Preisgelder oder Titel. Sein aufgeheizter Körper dampft in der Münchner Kälte. Nach dem Rennen über 2400 Meter freuen sich die englischen Vollblüter vor allem über einen kräftigen Schluck aus dem Wassereimer. Guignol ebenso wie der knapp unterlegene Iquitos, der die Champions League in ihrem Premierenjahr 2016 gewonnen hatte. Beide zählen als mehrfache Sieger von Gruppe-I-Rennen zum Besten, was der deutsche Galopprennsport zu bieten hat. Der dahinter platzierte Dschingis Secret gehört ebenfalls zur Riege hochdekorierter, deutscher Rennpferde. "Das war wahrscheinlich das bestbesetzte Rennen, das in den vergangenen 100 Jahren in Deutschland gelaufen wurde", sagt Horst Gregor Lappe, der Geschäftsführer des Münchner Rennvereins (MRV). Das einzige Problem: Abseits der fachkundigen Szene bekam so gut wie niemand etwas davon mit.

Der Galopprennsport in Deutschland steckt seit Jahrzehnten in der Krise. Die einst so populäre Sportart, die in ihrer Blütezeit in den 1920er- und 1930er-Jahren mehr Besucher als der Fußball anlockte, interessiert heute kaum noch jemanden. Damals ließ sich sowohl die feine Gesellschaft mit ihren extravaganten Hüten als auch die Arbeiterklasse auf der Rennbahn blicken. Doch wenn in diesen Wochen die neue Rennsaison beginnt, wird die älteste, organisiert betriebene Sportart der Welt in der deutschen Sportlandschaft wieder nur eine Randerscheinung bleiben.

Ein Beispiel für den Niedergang ist das Deutsche Derby. Traditionell lädt der Hamburger Renn-Club jedes Jahr am ersten Sonntag im Juli zum wichtigsten Galopprennen Deutschlands. Folgten in den Achtziger- und Neunzigerjahren noch regelmäßig um die 50.000 Besucher dem Ruf auf die Rennbahn in Hamburg-Horn, waren es 2017 gerade einmal 12.500. Der Wettumsatz war mit etwa einer viertel Million Euro so niedrig wie seit 50 Jahren nicht mehr. Zahlen, die auch die Münchner Verantwortlichen beschäftigen.

Horst Gregor Lappes Büro liegt inmitten des Rennbahngeländes des MRV. An den weißen Holzfassaden des 1897 errichteten Sekretariatsgebäudes klettert Efeu empor, die großen Fenster sind in dunkelgrüne Rahmen eingefasst. Innen schmücken Zeichnungen von Rennpferden die Wände. In der Mitte des Raumes steht ein auf Hochglanz polierter Konferenztisch, um ihn herum schwere, mit dunkelgrünem Polster bezogene Holzstühle. Sie stammen ursprünglich aus der ehemaligen Königsloge der Rennbahn. "Sie sind zwar neu bezogen, aber darauf haben auch schon Kaiser und Prinzen gesessen", sagt Lappe.

In Frankfurt musste die Rennbahn für den DFB weichen

Relikte aus einer ebenso glänzenden wie weit entfernten Vergangenheit. Prinzen oder Kaiser hat man längere Zeit nicht mehr auf der Galopprennbahn gesehen, ganz zu schweigen von Ministerpräsidenten, Oberbürgermeistern oder Stadträten. Die zeigen sich lieber beim Fußball. Wie könnte der Politiker von heute auch Volksnähe beweisen, indem er bei einer aussterbenden Sportart zu Gast ist?

Von einem möglichen Ende des Galopprennsports will Lappe allerdings nichts wissen. Trotz der negativen Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren schaut er nicht allzu besorgt in die Zukunft. Vereinzelt gibt es nämlich auch Standorte in Deutschland, die sich erfolgreich gegen den Trend zur Wehr setzen. Iffezheim oder Berlin gehören beispielsweise dazu. Und München.

Der Rennbahn-Chef zieht eine "sehr ordentliche" Bilanz für das Jahr 2017. Seinen Angaben zufolge kamen an acht Renntagen etwa 50.000 Besucher in den Münchner Osten. Der Wettumsatz sei im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent gestiegen. Zwar schreibt der MRV seit Jahren rote Zahlen, dennoch ist Lappe "sehr, sehr zufrieden." Die Entwicklung in München zeigt entgegen des deutschlandweiten Trends nach oben. Für das Jahr 2019 stellt Lappe sogar die schwarze Null in Aussicht. Davon können die meisten Rennvereine in der Bundesrepublik nur träumen.

In Frankfurt ist dieser Traum schon seit längerem ausgeträumt. Seit November 2015 finden auf der 1864 errichteten Galopprennbahn am Stadtrand der Mainmetropole keine Rennen mehr statt. Das Gelände gehört der Stadt Frankfurt. Die hat den Mietvertrag mit dem Frankfurter Renn-Klub gekündigt, um das Grundstück dem Deutschen Fußball-Bund zur Verfügung zu stellen. Dort soll eine 140 Millionen Euro teure Fußballakademie entstehen. Die Rennbahn muss trotz der Proteste des Rennvereins weichen.