Mitte November 2017 meldete zudem der Rennverein in Mühlheim Insolvenz an, die 107 Jahre alte Rennbahn im Ruhrpott steht vor dem Aus. Auch in Bremen bangen die Fans um die Existenz der dortigen Anlage. Von den aktuell noch etwa zwei Dutzend Galopprennbahnen in ganz Deutschland könnten also immer mehr Standorte wegfallen. Der Grund dafür: Es fehlen die Einnahmen aus dem Wettgeschäft.

1995 verzeichnete das Direktorium für Vollblutzucht und Rennen (DVR), der Dachverband des deutschen Galopprennsports, noch bundesweite Wettumsätze in Höhe von gut 140 Millionen Euro. Die Wetteinnahmen bilden die Haupteinnahmequelle der Rennvereine, bis zum Jahr 2017 ist der Umsatz jedoch auf rund 25 Millionen Euro eingebrochen. "Wir haben 60 bis 70 Prozent Umsatz verloren", sagt Jan Antony Vogel, der Geschäftsführer des DVR. Dieses Geld fehlt den Rennvereinen. 20 Prozent etwa landen normalerweise bei ihnen.

Den wichtigsten Faktor für den Rückgang der Wetteinnahmen sehen Vogel und andere Insider in der Einführung der Onlinewette. Es gibt in Deutschland einen großen Markt für Pferdewetten, die heutzutage jedoch eher im Internet statt auf der Rennbahn abgeschlossen werden. "Fakt ist, dass wir unter der Konkurrenz der Internetbuchmacher extrem leiden", sagt Lappe. Eigentlich soll der deutsche Galoppsport an Einnahmen der Anbieter beteiligt werden, das sagt zumindest das Rennwett- und Lotteriegesetz. Da die Onlinebuchmacher ihren Sitz oftmals in Steueroasen im Ausland haben, fließt das Geld allerdings an den Rennvereinen vorbei. Die Refinanzierung der Renntage oder die Instandhaltung der Rennbahnen wird immer schwieriger.

"Zu bequem gemacht"

Für Sascha Multerer ist diese Entwicklung unter anderem auf Versäumnisse in der Vergangenheit zurückzuführen. Schon der Großvater des 40-Jährigen war Mitglied und Rennleitungsvorsitzender im Münchner Rennverein. Im Oktober 2017 wurde Multerer nach jahrelanger Pressearbeit für den MRV Geschäftsführer des Onlinebuchmachers RaceBets. "In den Zeiten als es gut lief, hat es sich der Rennsport bequem gemacht. Das heißt, man hat sein Produkt nicht weiterentwickelt", sagt er. Gerade im Hinblick auf vielfältigere Wettmöglichkeiten habe der Verband geschlafen. "Der Kunde sagt sich: Es ist super, dass am Wochenende Rennen sind. Aber ich möchte auch am Mittwoch und Donnerstag wetten." Warum also noch auf die Rennbahn gehen, wenn die Onlinebuchmacher eine viel größere Auswahl bieten? Dementsprechend hat sich der Wettumsatz deutlich zu Ungunsten der Rennvereine verschoben.

Das bringt viele Probleme. Durch die wegfallenden Wetteinnahmen sind die Rennvereine gezwungen, die Preisgelder zu senken. Damit fallen wiederum die Verdienstmöglichkeiten für Besitzer und Trainer weg. Es gibt weniger Rennpferde, weniger Renntage, weniger Zuschauer und schließlich noch weniger Umsatz. "Ein Rädchen greift in das andere", sagt Vogel.

Mittendrin im Räderwerk lebt Uwe Stech. Der 57-Jährige sitzt in einem Aufenthaltsraum in seinem Rennstall in Berlin-Neuenhagen, unweit der Rennbahn Hoppegarten. Die gelbe Farbe an den Wänden des kleinen Raums ist verblichen, alte Zeitungsartikel und Bilder von Rennpferden hängen an den Wänden. In der Ecke steht ein Kachelofen, ebenfalls in verblichenem Gelb. "Der stand auch damals schon hier", sagt Stech, der auf diesem Hof vor 40 Jahren seine Ausbildung zum Facharbeiter für Pferdezucht begann. Nach einer erfolgreichen Jockeykarriere mit insgesamt 160 Siegen übernahm Stech im Jahr 2000 den Hof als Trainer.

Als der gebürtige Dresdner in Hoppegarten anfing, ging es dem Rennsport noch blendend. Heute kann er zahlreiche Geschichten von Existenzsorgen der Galopptrainer erzählen. "Ich kenne Kollegen, die pfeifen wirklich aus dem letzten Loch", sagt er. Stech wirkt ebenfalls gestresst. In wenigen Stunden beginnt ein Renntag. "Für manche Leute sind es Feiertage. Für uns bedeuten Renntage doppelte Arbeit", sagt Stech.

Sieben Tage die Woche steht er ab 5.30 Uhr im Stall, um sich um die mehr als 20 Rennpferde zu kümmern, die er trainiert. Vor einigen Jahren waren es noch deutlich mehr. "Wir hatten aufgrund der Nachfrage sogar mal ein Werk Zwei aufmachen müssen", sagt Stech. Mittlerweile würde er das nicht noch einmal machen, der Bedarf ist ohnehin nicht mehr vorhanden. "Die Besitzer sind in Deutschland aufgrund der geringen Rennpreise natürlich nicht gewillt, hohe Trainingskosten zu zahlen", sagt Stech. Seit 1995 ist die Anzahl der im Training befindlichen Rennpferde um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Dementsprechend kennt Stech einige Kollegen, die aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben mussten. Sein eigener Rennstall liefe nur leicht im Plus.

In Hoppegarten läuft es wieder

Dabei gebe es in Hoppegarten hervorragende Trainingsbedingungen, sagt Stech. Die Trainierbahn ist nur 200 Meter Luftlinie von seinem Hof entfernt, insgesamt stehen dem Pferdesport etwa 430 Hektar Fläche zur Verfügung. Leider, sagt Stech, werden dort aktuell nur etwa 100 Rennpferde trainiert. "Das ist für dieses Areal lächerlich." Zur Blütezeit waren auf dem Gelände um die 1000 Rennpferde untergebracht, damals galt Hoppegarten als Mekka des deutschen Galopprennsports. Vor gut zehn Jahren war damit fast Schluss. Der federführende Union-Klub ging insolvent. Bis März 2008 stand die Zukunft der traditionsreichen Rennbahn im Osten Berlins auf dem Spiel, dann öffnete der Fondsmanager Gerhard Schöningh seine Privatschatulle und kaufte die Rennbahn samt Gelände für etwa 3 Millionen Euro.

Seitdem geht es in Hoppegarten, der einzigen deutschen Rennbahn in Privatbesitz, wieder bergauf. Schöningh investierte viel Geld, einerseits um die Preisgelder zu erhöhen und damit die Rennen attraktiver zu machen. Vor allem ließ er aber das Gelände aufhübschen. Seitdem genießen die Besucher wieder das besondere Flair auf den historischen Backsteintribünen aus den 1920er-Jahren oder machen es sich im Schatten alter, großer Eichen gemütlich.

Stech steht derweil nervös im Führring. Seine Arbeitskleidung vom Morgen hat er gegen einen dunkelgrauen Anzug ausgetauscht. Stech gibt seinem Jockey noch letzte Anweisungen, in wenigen Minuten startet die von ihm trainierte Lady Lilian im Preis von Cottbus. Mit 5.500 Euro Preisgeld ist es ein eher unterklassiges Rennen.

Trotzdem werden die Zuschauer richtig laut, als die Vollblüter auf die Zielgerade einbiegen. "Komm schon, komm schon", ruft ein Familienvater seinem Favoriten zu. Es scheint zu helfen. Zaphiras Adventure gewinnt das Rennen, Vater und Sohn umarmen sich, diese Wette ist aufgegangen. Lady Lilian landet dagegen nur auf Platz vier. "Sie hatte heute nicht allzu viel Speed", sagt der Trainer. Zufrieden sieht Stech nicht aus.