Hajo Seppelt ist ARD-Journalist und gilt als einer der führenden Dopingexperten in Deutschland. Russland hatte Seppelt für die Fußball-WM in Russland im Juni zunächst das Visum verweigert. Nachdem auch die Bundesregierung gefordert hatte, Seppelt einreisen zu lassen, hob Russland das Einreiseverbot am Dienstag auf.

ZEIT ONLINE: Herr Seppelt, in Russland sind Sie eine unerwünschte Person, ein Staatsfeind. Erst verweigerte man Ihnen das Visum. Nach Protesten, auch aus der Politik, haben Sie es doch erhalten. Gleichwohl drohen Ihnen Politiker und Verantwortliche mit einer Vernehmung vor einem staatlichen Komitee und indirekt auch mit Gewalt. Werden Sie zur Fußball-WM reisen?

Hajo Seppelt: Das weiß ich noch nicht. Mein Sender und ich werden das genau prüfen.

ZEIT ONLINE: Als Dopingrechercheur sind Sie Druck und Widerstand gewohnt. Hat es einen solchen Fall schon mal gegeben?

Seppelt: Wir tangieren stets die Interessen von Lobbyisten aus dem Sportbusiness. Die geben zwar oft vor, gegen Doping zu sein. Mein Eindruck bei vielen ist aber: Sie wollen nicht Doping verhindern, sondern Dopingdebatten verhindern. Die mindern nämlich den Wert von Sportveranstaltungen. Doping selbst, solange es nicht entdeckt wird, nützt sogar mehr, als dass es schadet. Es ermöglicht Rekorde und erhöht den Marktwert von Wettkämpfen.

Es geht um Geld, ich halte Teile des Systems für korrupt. Den Vorwurf des Nestbeschmutzers oder Spielverderbers kenne ich, seit ich über Doping berichte, also länger als 20 Jahre. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Nein, dass einem Sportreporter der Zugang zu einer Sportveranstaltung wie einer Fußball-WM oder zu Olympischen Spielen mit Visumsverweigerung verwehrt werden sollte, habe ich noch nicht erlebt.

ZEIT ONLINE: Sie haben das Dopingsystem Russlands aufgedeckt. Empfinden Sie das aggressive Verhalten Russlands als Bestätigung?

Seppelt: Man kann sehen, dass mit der Berichterstattung über das Staatsdoping offenbar ein wunder Punkt getroffen wurde in Russland. Auf jeden Fall ist das zunächst verhängte Einreiseverbot ein PR-Desaster für das WM-Gastgeberland. Nun reden erst recht alle über Doping – und über Pressefreiheit.

ZEIT ONLINE: Kann Russland weitere Ihrer Recherchen überhaupt verhindern?

Seppelt: Nicht alle Recherchen sind zum Glück allein abhängig von der Anwesenheit am Ort. Und trotzdem kann natürlich mit so einer Maßnahme Recherche erschwert oder behindert werden. Aber die ARD unterstützt mich. Der Vorfall verdeutlicht insgesamt den Umgang mit kritischem Journalismus im größten Land der Welt. Russland beherrscht die gesamte Klaviatur der Gegenpropaganda: Politiker und staatsnahe Medien bestreiten etwas, was nie behauptet wurde, stellen uns als russophob dar und arbeiten mit falschen Fakten.

Manchmal hieß es, wir seien von der Bundesregierung beauftragt, um von den Misserfolgen deutscher Athleten bei den Winterspielen 2014 abzulenken. Dann wurde ich als angeblicher CIA-Mitarbeiter diskreditiert. Über mich war auch zu lesen, ich hätte in einem russischen Gerichtssaal Dinge revidiert. Ich war aber nie in einem russischen Gerichtssaal. Ein anderes Beispiel: Eine Nachrichtenagentur verbreitete, mein Kameramann habe durch das Schlüsselloch einer Tür gedreht. Das stimmte nicht, zumal die Tür gar keine Schlüssellöcher hatte. Die Agentur musste das dann zurücknehmen. Wir haben es mit inszenierter Öffentlichkeit zu tun.

ZEIT ONLINE: Was hat das bewirkt?

Seppelt: Oft das Gegenteil des Bezweckten. Die Dopingberichte der ARD haben in Russland einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt. Und die Russen haben durch ihr Verhalten, immer alles abzustreiten, letztlich dazu beigetragen, dass Journalisten aus der ganzen Welt berichten.

ZEIT ONLINE: Auch in Deutschland erheben viele den Vorwurf, Sie seien Teil der Westpropaganda und würden sich die Russen rauspicken. Gedopt werde überall. Was entgegnen Sie?