Was man alles über ihn weiß! Dass er während seiner Zeit bei Real Madrid einer Birmakatze namens Mimi den Bauch kraulte. Dass er sein lebenslanges Spanienfaible auf einem niederrheinischen Bauernhof auslebt, der aussieht wie eine mallorquinische Finca. Dass dort der Schäferhund Cando sehnsüchtig auf die endgültige Verrentung seines Herrchens wartet. Und dass er den größten Spaß am Fußball vor 54 Jahren hatte, als er mit der Borussia aus seiner Heimatstadt Mönchengladbach in die Bundesliga aufstieg und 160 Mark im Monat verdiente.

Was man freilich nicht so genau weiß: Was ist eigentlich das Erfolgsgeheimnis des Trainers, den sie Don Jupp nennen?

Wenn am Samstag mit dem DFB-Pokalfinale sein voraussichtlich letztes Spiel als Trainer zu Ende geht, wird Josef Heynckes seinen Beruf 39 Jahre lang ausgeübt haben. Er hat die Champions League, die spanische Supercopa, den Uefa- und den DFB-Pokal gewonnen, dazu vier deutsche Meisterschaften. Wie hat er das gemacht? Viele seiner ähnlich erfolgreichen Berufskollegen haben eigene Stile geprägt (One-Touch-Wenger, Tiki-Taka-Pep) oder wenigstens einprägsame Methoden entwickelt (Medizinball-Magath). Jupp Heynckes ging es nie um diese Art von Prägung – vielleicht, weil er einer der ganz wenigen wirklich uneitlen Menschen in den Selbstinszenierungsgewittern des Profifußballs ist. Er wollte einfach immer nur eins: gewinnen.

Er war nie ein mitreißender Erklärer seines Sports

Das kann er besser als jeder andere. Als Spieler und Trainer hat er 518 seiner mehr als 1.000 Bundesligaspiele gewonnen; satte 60 mehr als der Zweitplatzierte dieses Rankings, Otto Rehhagel. "Grenzenlos" sei sein Ehrgeiz, hat er der ZEIT schon vor 20 Jahren erzählt, als er Real Madrid zum ersten Champions-League-Titel nach 31 Jahren führte. Wenige Tage nach diesem Triumph wurde er von den Königlichen gefeuert. Mit seinem teutonischen Beharren auf ehrlicher Arbeit, Disziplin, Akribie, Perfektion passte er nicht in das Gefühlsgewühl des spanischen fútbol, das er geradezu fürchtete. "Ich halte das fern von mir, wahre eine gewisse Distanz", sagte er damals.

Seinen Frieden mit der Hysterie der Branche hat er auch als Rückkehrer aus dem Ruhestand nicht gemacht. Noch heute blickt er mitunter verschreckt wie ein bei der Futtersuche überraschter Haubentaucher in die ihn bedrängenden Kameras. Ein mitreißender Erklärer seines Sports war Heynckes nie, kein Kloppo, kein Nagelsmann, nicht mal ein kühler Professor Rangnick. Doch hat man sich inzwischen entschlossen, sein stelzbeiniges Hochrheinisch für Altersweisheit zu halten. Automation und Mechanik sind denn auch Wörter, mit denen er das Wesen seiner Arbeit erklärt: "Als Fußballer brauchst du die Automatismen. Wir führen ein Leben der Wiederholungen." Seine Trainingsarbeit war stets weniger genialisch als vielmehr pedantisch, unablässig korrigierte er einzelne Bewegungen, Passfolgen, die Position zum Ball. Denn wer falsch zum Spielgerät steht, hemmt die ganze Spielentwicklung. Zudem perfektionierte Heynckes über die Jahre sein Talent, Spieler so lange auf dem Feld hin- und herzumanövrieren, bis noch für den größten Betonfüßler eine nutzbringende Verwendung gefunden war.

Charismatiker und Spielerflüsterer

Mit der geduldigen Frickelei hat Heynckes, der ursprünglich mal Architekt werden wollte, viele mittelmäßige Mannschaften grundlegend umgebaut und an den oberen Rand ihrer Möglichkeiten geführt – auf Dauer sicher eine ebenso große Leistung, wie mit den Bayern auf dem Zenit ihres Könnens 2013 das Triple zu gewinnen. "Ob Pep Guardiola ein guter Trainer ist, wird man erst sehen, wenn er mal den VfL Bochum trainiert", hat der Fußballexperte Peter Neururer mal gesagt. Diesen ultimativen Qualitätstest hat Heynckes gleich mehrfach bestanden; anders als die Supertrainer von heute hat er selbst nach seinen ersten großen Erfolgen nie nur scheichgepimpte Starensemble trainieren dürfen. Athletic Bilbao führte er trotz der Selbstbegrenzung auf ausschließlich baskische Spieler aus den Niederungen der spanischen Liga in den Uefa-Pokal. Ähnliches gelang ihm auf Teneriffa, bei Benfica Lissabon und anfangs auch in Leverkusen.

Intern ist Heynckes ein Charismatiker und Spielerflüsterer, der vom Star bis zum Zeugwart alle auf das Projekt Gewinnen einschwören kann. "Eine Mannschaft ist dann gut, wenn alle Rädchen ineinandergreifen", hat er mal gesagt, und dazu zählen beileibe nicht nur die Balltreter. "Für mich ist das Team hinter dem Team genauso wichtig, die Trainer, die medizinische Abteilung." Sie alle bringt er vor allem mit einer Zutat hinter sich: Vertrauen. Denn selbst ein wilder Stier wie Arturo Vidal leidet gelegentlich an Selbstzweifeln und Schaffenskrisen, die ihm Väterchen Jupp in langen Einzelgesprächen und mit wohldosierten Einsätzen auf dem Platz wegtherapiert.