Luc Ackermann wurde an diesem Abend ganz hinten geparkt. Im Fahrerlager, wo er und seine Husqvarna nun stehen, zwei Stunden, bevor es losgeht. Es, das sind die Night of the Jumps, SAP Arena Mannheim, wer später am besten sein wird, kann Europameister werden. Ackermann ist gerade der Beste, weswegen die meisten Fans zu ihm wollen. Stände die Menge an Jungen und Jungen mit ihren Vätern und jungen Familien und Mittzwanzigern und älteren Paaren weiter vorne, wäre alles verstopft im Fahrerlager.

Ackermann steht da, wie es sich für das Genre gehört, er mit breitem Kreuz, die Maschine aggressiv aussehend, ein Stillleben, eingerahmt von blonden Frauen in knappen Röcken, eine von ihnen ist die amtierende Miss Tuning. Ackermann gibt Autogramme, ein ausladendes L, ein ausladendes A, das ckermann wie eine Herzfrequenz, beschreibt so alles, was ihm die Fans hinhalten, Mützen, T-Shirts, Prospekte, lässt natürlich Selfies mit sich machen, die Maschine im Hintergrund, die blonden Frauen neben ihm.

Er fährt, seit er dreieinhalb ist

Dann, kurz vor dem Start, möchte Ackermann alleine sein, runterkommen, die Kombination durchgehen, die er gleich springen wird, das sogenannte Trickbook: Ruler Indy Flip, Seatgrab Indy Flip, Surfer Tsunami Flip, 360, Egg Roll, Flair, Holygrab, Nac 360, Clicker Superflip, Double Backflip.

Wenn Luc Ackermann, 20, in Stadien wie dem in Mannheim einfährt oder die Medien, nationale wie internationale, über ihn schreiben, wird er Wunderkind genannt, the German Wonderboy. German, weil aus Thüringen stammt, Wunderkind, weil er mit zwölf Jahren begann, Rekorde aufzustellen: Er sprang einen Rückwärtssalto, was vor ihm noch kein Kind geschafft hatte – Stefan Raab lud ihn daraufhin zu TV Total ein.

Ackermann fährt Freestyle Motocross, seit er dreieinhalb ist. Dreieinhalbjährige würden wohl nicht alleine auf die Idee kommen, sich auf ein Motorrad zu setzen – aber da Ackermanns älterer Bruder Motocross fuhr und der Vater ihm bereits ein Trainingsgelände erschlossen hatte und Rampen zusammenschweißte, wollte der kleine Luc auch mitmachen.

Angefangen hat er auf einer 50-Kubik-Maschine, und weil selbst die noch zu groß für ihn war, standen vier Erwachsene um ihn herum, um ihn beim Start und Anhalten festzuhalten. Sonst wäre das kleine Kind auf der zu großen Maschine einfach umgefallen. Auf YouTube gibt es Videos, in denen der Bruder sagt, dass er von einer großen Karriere träume. Mehr Videos gibt es inzwischen von Luc Ackermann, der auch sagt, dass er von einer großen Karriere träumt, und der gerade mittendrin steckt in diesem Traum. "Natürlich ist es nicht immer einfach, dass ich auf einmal erfolgreicher bin als mein Bruder", sagt er.

Spickzettel auf dem Lenker

"Jetzt wird sich die SAP-Arena in einen Hexenkessel verwandeln, denn er ist bekannt für den absolut brachialsten Style in der Welt des Freestyle Motocross!" Superlativ und Ackermann, drunter scheint es gerade nicht zu gehen. Die Musik wummert, die Menge tobt, Ackermann fährt an. Die Kombination, die er vorhin noch einmal im Kopf durchgegangen ist, hat er sich auf einen kleinen Zettel geschrieben, der klebt auf dem Lenker. So wie auf dem Zettel und beim Autogrammegeben vorhin hat er auch beim Fahren eine Handschrift. Aggressiv nennen manche sie, und das ist positiv gemeint.

In seinem Jugendzimmer, in 99986 Niederdorla, hatte Luc ein Poster von Travis Pastrana hängen, das war sein Idol. Pastrana ist Amerikaner, auch er saß mit drei Jahren zum ersten Mal auf einem Motorrad, auch er stellte Rekorde auf. 2006 gelang es ihm beispielsweise, als erster Fahrer einen Double Backflip mit dem Motorrad zu landen. Luc Ackermann war Anfang des Jahres derjenige, der den Doppelsalto als jüngster Fahrer in einem Wettbewerb sprang.