Diese drei Bereiche laufen in der letzten Ebene der Integration zusammen: der emotionalen Integration. Sie ist nicht direkt beeinflussbar, sondern leitet sich vielmehr davon ab, ob und wie man sich mit Deutschland oder mit dem Wohnort identifiziert. Es ist leicht verständlich, dass sich der gut gebildete Mensch, der perfekt Deutsch spricht, einen guten Arbeitsplatz hat und viele und intensive soziale Beziehungen zu Deutschen pflegt, eher mit Deutschland identifizieren kann.

Allerdings muss ebenso erwähnt werden, dass die Möglichkeit, sich mit Deutschland zu identifizieren, auch mit der Mehrheitsgesellschaft zusammenhängt. Es wird auch sehr gut integrierten Menschen nicht leicht gemacht, sich dazugehörig zu fühlen. Die emotionale Integration ist gewissermaßen die Königsdisziplin: Sie ist komplex, beruht auf Subjektivität und ist nicht mit Kausalität erklärbar, sie entwickelt sich langfristig und hängt auch von äußeren Faktoren ab.

Das heißt im Umkehrschluss, dass die emotionale Integration, wie der Name ausdrückt, nicht rational und messbar ist. Und diese Irrationalität trifft bei beiden Spielern vermutlich zu. Aufgrund ihrer Herkunft identifizieren sich Özil und Gündoğan nicht nur mit Deutschland, sondern auch mit der Türkei. Sie haben gewissermaßen eine hybride emotionale Identität entwickelt. Als Deutschland bei der WM 2006 auf Polen traf, verkündete die FAZ "Polen gegen Polen". Bei dieser Anspielung ging es um die deutschen Nationalspieler Klose und Podolski, deren polnische Herkunft bekannt ist, jedoch niemand auf die Idee kam, deren Integration in Frage zu stellen.

Muslime werden nie vollwertige Deutsche sein

Bei Gündoğan und Özil ist die Öffentlichkeit vordergründig darüber erbost, dass die beiden Nationalspieler einen Antidemokraten oder Despoten treffen, der in seinem Land Menschenrechte missachtet, illegale Kriege führt oder die Pressefreiheit aufhebt. Warum soll den deutschen Nationalspielern nicht der Kontakt zu Erdoğan zustehen, wenn die deutsche Politik eben mit diesem Präsidenten den Flüchtlingsdeal abschließt und ungehindert Waffen liefert, mit denen Erdoğan Kriege führt?

Die Empörung ist demnach mindestens scheinheilig. Vielmehr geht es doch wieder darum, dass "Türken" oder "Muslime" nie vollwertige Deutsche sein können, auch wenn sie für Deutschland erfolgreich Fußball spielen und nach den genannten Kriterien integriert sind. Die deutsche Gesellschaft erwartet von "Türken" eine hundertprozentige Identifikation mit Deutschland. Aber eine hundertprozentige Identifikation kann es nach wissenschaftlichen Kriterien gar nicht geben. Auch bleibt die Frage, ob eine hundertprozentige Identifikation überhaupt ausreichen würde, um von Deutschen vollwertig akzeptiert zu werden.