Einen Tag danach sitzt Mijat Gaćinović in einem der offenen Cabrios, mit denen sie die Helden durch Frankfurt kutschieren. Als sei das hier die Tour de France, als ginge es hinauf nach L’Alpe d’Huez, so bahnt sich der Korso seinen Weg durch die Menschen. 25.000 sollen es am Sonntag allein auf dem Römer gewesen sein. Gaćinović trägt Sonnenbrille, die Nacht war lang, und nippt an einem Bier. Immer wieder wollen die Fans mit ihm abklatschen. Was nicht verwundert, denn er hat jedem einzelnen von ihnen das entscheidende Tor zum 3:1 geschenkt. Die Glücklichen, die im Stadion waren, werden den Treffer sicher nie vergessen. Für sie war es das perfekte Tor.

Jeder, der mal in einer Kurve stand, weiß, dass Torjubel nicht gleich Torjubel ist. So wie auch jedes Tor anders ist. Bei einigen Toren freut man sich, mehr nicht, bei anderen fällt man seinem verdutzten Nachbarn um den Hals, und dann gibt es Tore, die würden viele, die dabei waren als emotionalste Momente ihres Lebens einordnen. In einem Fanleben mögen das nur zwei oder drei Treffer sein, aber immerhin. Wer das nicht glaubt, kann nochmal seinen Nick Hornby lesen, der Torjubel mit der Geburt von Kindern und Orgasmen und ähnlichem vergleicht. Am Ende siegt der Jubel.

Für ein perfektes Tor braucht es eine bestimmte Kombination von Ingredienzen: Entscheidend muss es sein, am besten in der letzten Minute oder gar der Nachspielzeit geschossen werden, noch dazu in einem wichtigen, womöglich sehr, sehr wichtigem Spiel. Das sind die offensichtlichen Zutaten, dazu kommt: Ein Tor als Underdog gegen den Favoriten, ein Tor in einem fremden Stadion, ein Tor vor der eigenen Kurve, ein Tor mit Anlauf, damit sich das Glücksgefühl langsam aufbaut.

Der Schiri entschied: Ecke, nicht Elfmeter

Bei Gaćinovićs Tor hat alles gepasst. Er machte nicht nur das 3:1 in der 96. Minute des DFB-Pokalfinals gegen die scheinbar übermächtigen Bayern und sorgte damit für den ersten Frankfurter Titel seit 30 Jahren. Es war auch die Art und Weise,  wie es fiel, die es so unvergesslich machte.

Es war die Nachspielzeit, gerade hatte Felix Zwayer auf Ecke entschieden, nachdem er sich noch einmal den Zweikampf von Kevin-Prince Boateng gegen Javi Martínez auf seinem Bildschirm angeschaut hatte, von dem hinterher die meisten sagten: Es war ein Elfmeter. Die Frankfurter hatten also Glück gehabt, ein Elfer hätte wohl den Ausgleich bedeutet. Und vor der Verlängerung hätte den Frankfurtern mit ihrer kräftezehrenden Spielweise durchaus bange sein müssen.

Die letzte Chance also für die Bayern, ihr Torwart Sven Ulreich rückte mit nach vorne, wie es Torhüter, die ein Spiel zu verlieren drohen, in den letzten Sekunden eben so machen. Die Ecke aber wehrten die Frankfurter ab, der Ball landete bei Gaćinović, der ihn am heranstürmenden Coman vorbeispitzelte, hochschaute und plötzlich das leere Bayerntor sah. Das Problem: Es war noch 70 Meter entfernt.

Viel Wiese. Und ein Tor.

Gaćinović also lief und lief wie die hessische Variante des Forrest Gump. Mats Hummels und David Alaba hechelten ihm hinterher. Sie schienen aber, obwohl ohne Ball, nicht näher zu kommen. Mit jedem Schritt wurde der antizipierende Jubel der Frankfurter Fans lauter. Er lief auf ihre Kurve zu, dem Pokal entgegen.

Szenen wie diese kommen im Fußball ziemlich selten vor, meistens stehen irgendwelche auszuspielenden Spieler im Weg, was die Sache ein wenig verkompliziert. Vor Gaćinović war niemand mehr. Nur viel Wiese. Und ein Tor. Was aber ist in so einer ungewöhnlichen Situation die beste Strategie? Von der Mittellinie aus schießen? Das mindert das Risiko von den Abwehrspielern eingeholt zu werden, das Tor zu treffen ist von so weit weg aber nicht so einfach. Weiter laufen? Dann könnten Hummels oder Alaba doch noch rankommen oder  Gaćinović selbst den Ball verstolpern. Der Frankfurter entschied sich zum Weiterlaufen, er lief und lief.

Er überquerte die Mittellinie, legte sich den Ball ein zweites Mal vor. Mats Hummels machte keinen Meter gut. "Ich habe Mijat nur wegsprinten sehen…",  sagte Kevin-Prince Boateng nach dem Spiel. "Er hat nur gesagt: Zum Glück war es Mats Hummels und nicht Niklas Süle, der wäre schneller gewesen." Am Spielfeldrand sprangen die Ersatzspieler und Betreuer der Frankfurter Bank auf und liefen mit, wie es sonst nur Footballer machen, die einem Touchdown entgegenfiebern. Gaćinović war ihr Running Back.

Kurz vor dem Strafraum schoss Gaćinović, nach 70 Metern, knapp 30 Schritten und 8,1 Sekunden rollte der Ball über die Torlinie. Der Frankfurter aber lief noch weiter, er sprang über die Werbebande, tauchte unter einem Absperrband hindurch, riss sich das Trikot vom Leib und stand vor seiner Kurve. Einige Fans waren so euphorisiert, dass sie in den Innenraum sprangen, um mit dem Torschützen zu jubeln. Fans feiern mit ihren Spielern, ein Moment größter Ekstase, der im Kommerzfußball 2018 eigentlich nicht mehr vorgesehen ist. Der aber schöner nicht sein kann. Kein Wunder, nach dem perfekten Tor.