Ein Kieler Fan war richtig sauer. Er beugte sich über die Brüstung hinab, weit in den Kabinentunnel rein, und rechnete dem Wolfsburger Maxi Arnold mit einer gängigen Fußballbeleidigung sein Einkommen vor. Dann sinnierte er über den Beruf von Arnolds Mutter. Weil in Kiel Tribüne, Spielfeld und Spielertunnel ohne Begrenzung ineinander übergehen, waren sich der Profi Arnold und der zornige Fan so nah, dass sie die Spucke des anderen hätten abbekommen können. Immerhin lächelte Arnold noch.

Nur Minuten später verlor er dann doch fast die Beherrschung, als er mitbekam, dass auch der Gegner mitwutbürgerte. Der Kieler Dominic Peitz sagte über den verdienten Wolfsburger Sieg: "Das kann man auch erwarten von Spielern, die in der restlichen Saison vielleicht mehr damit beschäftigt waren, ihr Geld zu zählen." So reden Kollegen selten übereinander, müssen sie doch alle ihr Auto nicht beim Gebrauchtwagenhändler kaufen. In diesem Moment schimmerte aber die größere Geschichte dieser Relegation durch: hier das Märchen aus Kiel, dort die überbezahlten VW-Fußballer. 

Selten war der Ton so rau: Die beiden Trainer warfen sich auch nach dem Spiel auf der Pressekonferenz noch Respektlosigkeit vor. Am Ende einer langen Saison spitzt man in der Relegation noch mehr zu, gönnt sich noch weniger. Die einen befürchten riesige Einbußen, die anderen tasten schon mit einer Hand am Geldtopf der ersten Liga. Doch nie wurde es so deutlich wie am Montagabend: Keinem gefällt das.

Wolfsburg gewann in Kiel 1:0 und bleibt nach dem 3:1 im Hinspiel in der Bundesliga. Noch vor ein paar Jahren wäre Wolfsburg im vergangenen Jahr schon abgestiegen, denn damals überlebte der VfL auch erst in der Relegation. Doch seit 2009 spielen der Drittletzte der ersten Liga und der Dritte der zweiten Liga in zwei Extraspielen um den einen Platz in der Bundesliga.

"Geld regiert auch den Fußball"

Man blickte an diesem Abend in Kiel in nur wenige erleichterte Gesichter. Peitz sagte, es sei zweifelhaft, wenn dem Bundesligisten der Rettungsring auf Kosten des Kieler Märchens zugeworfen werde. Kiels Kapitän Rafael Czichos sagte: "Geld regiert nicht nur die Welt, sondern auch den Fußball, deshalb gibt es so einen Modus." Wolfsburgs Arnold: "Das sind Scheißspiele. Mit Fußball hat das nichts mehr zu tun." Die Spieler brachten das auf den Punkt, was ohnehin viele über die Relegation denken – dass sie Mist ist.

Tatsächlich ist die Relegation vor allem das Treffen der Klassenlosen, der Pendler zwischen den Ligen. Der HSV war 2014 und 2015 dabei. Wolfsburg rettete sich nun zum zweiten Mal auf die hässliche Art, auch Frankfurts Klassenerhalt 2016 in Nürnberg war ein Spiel zum Schaudern.

Was millionenfach bei den Amateuren funktioniert, muss ja nicht auch für die Bundesliga gelten. Vielleicht wird nun über andere Varianten diskutiert: Der Fünfzehnte gegen den Vierten, die drei Ersten und Letzten gehen direkt hoch und runter. Oder eine Play-off-Runde. Oder zurück zum alten Modus, was aber unwahrscheinlich ist, weil die DFL zu Recht auf die enorme Aufmerksamkeit für die Relegation hinweist.

Und die Spiele haben ja auch Charme, sie können mitreißen und ein ganzes Jahr in Minuten verändern. In Kiel aber zeigte sich, warum so viele mit diesem Modus fremdeln. Als die Spieler vom Feld kamen, blickten sie im Spielertunnel in etwa 30 Polizeihelme. Dort, wo die Interviews nach dem Spiel geführt werden, stand eine Polizeimannschaft bereit. Relegation geht an die Nerven, manche Anhänger verlieren ihren Anstand. "Er nimmt das zu ernst", sagte der Wolfsburger Brooks über einen weiteren Fan, der über die Brüstung hinweg pöbelte. 

In Kiel blieb es zwar ruhig. Doch einige Profis, die vom Spielfeld kamen, guckten verstört in den Spielertunnel. Dort versuchten sie zwischen gut gerüsteten Polizisten, das Spiel zu reflektieren. Auch solche Szenen sieht man nicht nur, aber fast immer in den hitzigen Relegationsspielen.