Robert Lewandowskis wichtigste Szene in Madrid beschreibt zugleich sein Problem: Ein strammer Pass von Franck Ribéry traf ihn eher unvorbereitet, der Ball sprang ihm ein gutes Stück vom Fuß, er drehte sich sogar weg vom Tor. Dann passte er ihn, eher ungenau und ein bisschen zu hoch, auf den Flügel, von wo aus Thomas Müller mit einer Flanke das 1:0 für die Bayern einleitete. Mit dem Tor selbst hatte der Mittelstürmer Lewandowski dann wenig zu tun.

Nach dem Aus der Bayern gegen Real Madrid diskutiert das Fußballland wie nach dem Hinspiel über Robert Lewandowski, den Stürmer, der in der Bundesliga die 30-Tore-Marke wohl erneut erreichen wird. Warum traf er nicht gegen Real, ist er keiner für die großen Spiele? Offenbar vermuten seine Kritiker, die diese Frage stellen, ein mentales Problem. Womöglich ist die Antwort einfacher: Lewandowski ist keiner für die großen Gegner, und das hat, wie so oft im Fußball, mit Feinmotorik, Geschick, Technik zu tun.

Lewandowski beherrscht alle Arten, den Ball im Tor unterzubringen: Rechts- und Linksschuss von nah und fern, Volley, Kopfball, Elfmeter, selbst Freistöße, stets mit einem sehr niedrigen Ruhepuls. Für einen Stürmer seiner Größe (1,85 Meter) ist er zudem schnell und athletisch. Aber beim Dribbeln und Passen hat er Schwächen. Und eine Sache, ein vermeintliches Detail, kann er nicht besonders gut: die flüssige Ballmitnahme.

Durch gute Mitnahmen entsteht gerade in engen Situationen Gefahr für das Tor des Gegners. Mit diesem ersten Kontakt kann ein Stürmer seinen Abwehrspieler unter Druck setzen, ihn zu falschen Entscheidungen oder Fouls verleiten, sich von ihm absetzen. Nämlich dann, wenn er den Pass aufnimmt, mit dem Ball sofort das Tempo erhöht, und zwar in Richtung Tor, am besten in unvorhersehbarer Weise. Zug zum Tor nennt man das.

Wenn Lewandowski den Ball aufnimmt, weicht er jedoch oft nach außen oder hinten aus, verliert Tempo, manchmal stoppt er ihn sogar wie zu Jupp Heynckes' aktiven Zeiten. Gegen Augsburg, Hamburg, auch Dortmund kommt ein Bayern-Stürmer trotzdem oft frei zum Schuss, weil deren Verteidiger nicht schnell genug laufen und handeln und die Abwehrreihen unorganisiert sind. Gegen Wolfsburg traf Lewandowski fünfmal in neun Minuten.

Wie im Viertelfinale gegen Sevilla

Das ist Teil des Lewandowski-Dilemmas: Der zur Selbstverliebtheit neigende deutsche Fußball glaubt, wer in der Bundesliga viele Tore schießt, zählt automatisch zu den besten Stürmern der Welt. Doch hier reift man nicht ohne Weiteres zur Weltklasse.

In Madrid stieß Lewandowski jedenfalls an Grenzen. Der FC Bayern erlangte dank einer sehr engagierten Leistung gegen eine matte Real-Elf zwar ein enormes Übergewicht im Mittelfeld, war oft im Strafraum des Gegners und davor. Lewandowski jedoch war kaum ins Spiel eingebunden, berührte immer wieder minutenlang keinen Ball. Ihm fehlten die Mittel, sich aus der Umklammerung seiner Gegner zu befreien. Immerhin kam er in der ersten Halbzeit aus spitzem Winkel zum Schuss, doch Keylor Navas hielt. Auch im Hinspiel war Bayern überall auf dem Platz überlegen, bloß nicht in Lewandowskis Revier vor dem Tor.

Es mag unfair sein, sich nun Lewandowski rauszupicken, zumal die Innenverteidigung Reals stärkster Mannschaftsteil ist. Sergio Ramos, der Kapitän, war der beste Spieler in beiden Halbfinals. Aber gegen Sevilla im Viertelfinale war Lewandowski nicht viel auffälliger. Und auch in der Vergangenheit gab es Spiele gegen Gegner ähnlicher Qualität, da war Lewandowski 90 Minuten lang völlig abgemeldet.

Größtes Spiel vor sechs Jahren

Die besten Stürmer der Welt lassen sich jedoch nicht 90 Minuten völlig abmelden. Man denke an Messi, Ronaldo, Neymar, neuerdings Salah, immer noch Suárez. Auch Lukaku, Agüero, Griezmann, bald auch Mbappé, vielleicht sogar Kane würde man in einer Top-Ten-Liste der Weltbesten vor dem besten Bundesligastürmer einreihen. Und nicht zuletzt Karim Benzema, dem selbst in einer schwachen Saison wie dieser zwei Tore gegen die Bayern gelingen.

Vor allem ist es der eigene Anspruch, an dem man Lewandowski messen kann. Er war es, der die Vereinsführung vor der Saison aufforderte, teurere Fußballer zu kaufen. Damit der FC Bayern die großen Spiele gewinne. Sein größtes Spiel machte Lewandowski vor fünf Jahren, im Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid schoss er für Dortmund vier Tore.

Lewandowski und sein Umfeld sind es auch, die immer wieder mit einem Wechsel zu Real Madrid kokettieren. Wer weiß, wie mit Transfergerüchten Politik gemacht wird, wird nicht sein Haus darauf verwetten, dass das Interesse der Königlichen an dem bald 30-jährigen Polen tatsächlich verbürgt ist. Nach diesem Halbfinale dürfte es zumindest nicht gestiegen sein.