Eins vorweg: Auch der Autor dieses Textes möchte zunächst seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklären. Zudem möchte er auch noch einmal ausdrücklich seinen Verzicht auf den Posten des UN-Generalsekretärs zum Ausdruck bringen.

Solch mehr oder wenige originelle Witze muss Sandro Wagner gerade über sich lesen. Der Stürmer des FC Bayern erklärte seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft – nachdem er nicht in den vorläufigen Kader zur WM berufen wurde. Seinen Abschied aus einem Zirkel zu erklären, zu dem man nicht gehört, das wäre schon fast ein Fall für die großen Philosophen. Doch im Kern wird nach Wagners Entscheidung über etwas anderes diskutiert.

Dass Wagner nicht etwa zu Hause bleiben muss, weil er nicht gut genug Fußball spielt, sondern zu sehr aneckt. "Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse", sagt Wagner selbst. Da traut sich einer was. Unausgesprochen lässt er Joachim Löw als unehrlich und intrigant dastehen.

Vielleicht etwas zu harmonisch

Das Bedürfnis nach den häufig zitierten echten Typen ist in der Welt der Internatsfußballer groß. Wobei nicht ganz klar ist, was eigentlich eine unechte Type ist. Es geht wohl darum, dass die meisten Spieler zu stromlinienförmig und glattgehobelt herüberkommen. Das ist wohl weniger Schuld der Spieler als ihrer Vereine oder Berater, die sich vor einer unbedachten Äußerung ihrer Schützlinge fürchten, weil heute jede halbwegs kontroverse Aussage durch die Social-Media-Mühle gedreht wird und nie wieder verschwindet.

Die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten, nach den Baslers und Effenbergs, ist demnach groß. Wagner kommt denen von allen prominenten Bundesligakickern schon ziemlich nahe. Er sagte einmal, er findet, dass Fußballer noch viel zu wenig Geld verdienen und auch: "Ich bin in meinen Augen seit einiger Zeit mit Abstand der beste deutsche Stürmer." Joachim Löw teilt diese Einschätzung eher nicht.

Nun ist es nicht ganz abwegig, dem Bundestrainer vorzuwerfen, dass es unter seiner Ägide im Nationalteam womöglich etwas zu harmonisch zugeht. Dass hier und da ein wenig mehr Kontroverse guttun könnte, weil Reibung, auch öffentliche Reibung, ein Team auch besser machen kann. Dass vor allem dem aktuellen WM-Kader im Gegensatz zu den 2014er-Weltmeistern ohne Schweinsteiger, Lahm oder Mertesacker die Persönlichkeiten fehlen. Ein Gros der WM-Fahrer dürfte in diesem Jahr einfach froh sein, dabei zu sein.