"90+" steht über seinem linken Mittelfinger. Mit diesem Tattoo will Sergio Ramos nicht seine Liebe zur Mathematik ausdrücken. Es ist das Kürzel für die Nachspielzeit und erinnert an den zehnten Champions-League-Sieg Real Madrids im Jahr 2014, den er mit dem Ausgleichstor im Finale gegen Atlético Madrid in letzter Sekunde erst ermöglichte. Real gewann in der Verlängerung 4:1. Zwei weitere Titel folgten, 2016 und 2017, am Samstag in Kiew gegen den FC Liverpool vielleicht sogar der dritte in Serie.

Über Ramos' mehr als dreißig Tattoos gibt es geradezu Sekundärliteratur im Internet. Seine ehemaligen Rückennummern ließ er sich in die Haut stechen, sein Lieblingstier (Wolf), ein Gedenken an seinen verstorbenen Freund und Mitspieler Antonio Puerta, die Opfer der Attentate von Manhattan und Madrid, auch sein Lieblingsgedicht. Und eben auch eine Kerbe im Colt für eins seiner 77 Tore, die er in der Liga, im Europapokal und in der Nationalelf insgesamt erzielt hat. Das ist deswegen eine äußerst beachtliche Zahl, weil Ramos ein Verteidiger ist, eigentlich.

Der Beste der Gegenwart

Er ist ein stürmender Abräumer, ein verteidigender Torjäger. Sergio Ramos ist nicht nur der Kapitän von Spanien, der erfolgreichsten Nationalelf des vergangenen Jahrzehnts, und Real Madrid, dem stärksten Verein der Gegenwart. Er ist auch der weltbeste Abwehrspieler. Mindestens, denn wenn diese Spezies bei Wahlen mehr Beachtung fände, hätte er sicher schon mal Messi oder Ronaldo bei der Kür zum Weltfußballer hinter sich gelassen. Ramos ist außerdem wohl der einzige Mensch, auf den sogar Ronaldo hört.

Bayern München hat mit beiden von Ramos' Gesichtern Bekanntschaft gemacht, dem Abwehr- und dem Toremann. Im Halbfinale 2014 köpfte Ramos im Rückspiel in München das 0:1 und das 0:2. Im Halbfinale 2018 waren die Bayern in beiden Spielen nahezu überall auf dem Feld überlegen, allerdings nicht direkt vor dem Tor Madrids. Dort, in seinem Revier, verjagte Ramos Lewandowski, verscheuchte Ribéry, Wagner nahm er auf die Hörner, Müller prellte an ihm ab.

Er kann fast alles

Ramos verfügt zum einen über nie aus der Mode kommende Verteidigertugenden: Er hat ein exaktes Timing beim Kopfball, dass man glaubt, er habe ein Radar installiert, mit dem er den Ball ortet, seine Entfernung bestimmt und dessen Bewegung mit seiner eigenen abgleicht. Mit raubkatzenartigen Sprüngen kann er Schüsse blocken. Er ist schnell, wendig, im hohen Tempo in beide Richtungen drehfähig. Dadurch ist er kaum auszuspielen. Er verteidigt oft Raum für zwei. Seine Tacklings sind spektakulär und präzise.

Ramos erfüllt zum anderen auch die moderne Arbeitsplatzbeschreibung eines Defensiven: Er ist sicher im Spielaufbau, organisiert seine Neben- und Vordermänner, verschiebt sie weit nach vorne und erkennt Gefahr, bevor sie entsteht. Er beherrscht auch Pässe, Dribblings, Schüsse, Volleys, Freistöße.

Über Ramos reden heißt über Macht zu reden

Das kommt daher, dass Ramos als Jugendlicher Stürmer war. Man nannte ihn den "Schuster von Camas", eine Anspielung auf seinen Geburtsort und seine damals blonden langen Haare, die an den in Spanien verehrten ehemaligen deutschen Spielmacher Bernd Schuster erinnerten. Später wurde er Außenverteidiger, José Mourinho, sein Trainer in Madrid, stellte ihn 2010 ins Abwehrzentrum, wo er bis heute geblieben ist.

Da bleibt Ramos aber nicht, wenn es eng wird oder seine erfolgsverwöhnte Elf in Lethargie verfällt. Dann eilt er nach vorne. Ihm tun nämlich auch Niederlagen gegen Getafe und Valladolid weh, was man nicht von allen seinen Mitspielern behaupten kann. Oder solche in seiner Heimat Sevilla, wo er noch immer ausgepfiffen wird, obwohl er schon vor 13 Jahren in die reiche Hauptstadt wechselte.

In solchen Momenten wird Ramos zum Antreiber. Dann erkennt man den Boss von Real Madrid, dem Verein, in dem ohnehin die Spieler das Sagen haben. Er rüttelt die anderen wach, manchmal genügt schon ein strenger Blick von ihm, Ramos kann auch mit seinem Lachen andere dominieren. Wird gegen Real gepfiffen, steht er als einer der ersten beim Schiedsrichter, egal ob der Tatort in seiner Nähe oder beim gegnerischen Tor liegt. Würde man ein Ranking der mächtigsten Männer im Weltfußball erstellen, Ramos landete weit vorne. Redet man über Ramos, redet man über Macht.