Regelmäßig nimmt ein ICE, der in Hildesheim und Braunschweig gehalten hat und das Fahrtziel Berlin ansteuert, bereits im niedersächsischen Flachland ein Höllentempo auf. Die wenigen Gäste, die im Zwischenhalt Wolfsburg aussteigen wollen, bekommen es des Öfteren mit der Angst zu tun, ob der Zugführer wirklich noch rechtzeitig die Bremse anwirft und zum Stehen bekommt. Immer wieder kommt es nämlich vor, dass ein Schnellzug versehentlich durchbraust, was in jeder Hinsicht kein gutes Signal ist.

Die Autostadt mit ihren vier monströsen Schornsteinen am Mittellandkanal einfach so links liegen zu lassen, gehört sich nicht. Mag das dortige Werk mit seinem Dieselskandal noch so viele Negativschlagzeilen produziert haben, ist Volkswagen immer noch einer der wichtigsten Arbeitgeber im Land. In der Region sowieso. Doch schlimmer als so manch unfreiwillige Zugdurchfahrt könnte werden, wenn Wolfsburg von der Landkarte der Fußball-Bundesliga verschwindet.

Das zweite Mal hintereinander muss der VfL Wolfsburg, eine 100-prozentige VW-Tochter, nun schon in die Relegation. Zunächst am heutigen Donnerstag (20.30 Uhr) in Wolfsburg, Rückspiel am Pfingstmontag (20.30 Uhr) in Kiel. Im für die Bundesliga viel zu kleinen Holstein-Stadion mit seinen geraden mal 11.000 Plätzen fällt die Entscheidung, was aus dem seit 1997 erstklassigen Werksverein wird. Mehr Groß gegen Klein geht nicht. Fast ganz Fußballdeutschland drückt dabei dem Außenseiter die Daumen, der mit nicht einmal sieben Millionen Euro für Gehälter auskommt und von der dritten Liga direkt in die Bundesliga durchstarten kann. Dagegen wirken die angeblich 78 Millionen Euro Personaletat vom VfL Wolfsburg fast absurd.

"Fußball ist nicht die Welt der Wiedervorlagemäppchen"

"Wir sind das kleine gallische Dorf im großen Fußballzirkus", sagt Kiels Manager Ralf Becker. "Ein Beweis dafür, dass man auch ohne großes Geld erfolgreich sein kann. Wir haben den zweitkleinsten Etat der zweiten Liga, das sind in etwa zwei Topspieler unseres Gegners. Solche Konstellationen mögen die Menschen immer." Da spielt einer gekonnt auf der Klaviatur Arm gegen Reich. Oder Gut gegen Böse.

Und in Wolfsburg können sie sich nicht einmal wehren. Viele Vereinsangestellte bestätigen hinter vorgehaltener Hand, dass die Malaise bei den Männern – das Team der Frauen ist gerade Meister geworden, kann noch Pokalsieger und sogar Champions-League-Sieger werden – ein Paket an Fehleinschätzungen ist. Und die Folge einer Haltung des Nichtkümmerns in den VW-Vorstandsetagen. Obwohl alle Beteiligten nach der nervenaufreibenden Relegation gegen den Nachbarn Eintracht Braunschweig (1:0, 1:0) vor einem Jahr versprachen, dass die richtigen Schlüsse erfolgen würden, passierte das Gegenteil.

Am härtesten ging zuletzt der langjährige VfL-Kenner Andreas Pahlmann von der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung in einem "bewusst unsachlichen offenen Brief" mit den wahren Verantwortlichen ins Gericht. Die Breitseite an die VW-Spitze ging so: "Ihr rafft einfach nicht, wie Fußball funktioniert. Fußball ist nicht die Welt der Wiedervorlagemäppchen und der distinguierten Meetings bei stillem Mineralwasser ... Man kann die Dinge nicht regeln, wenn zwischen Bugatti und Betriebsrat gerade Zeit dafür ist."

"Scheiße für Scheiße"

Eine Breitseite an diejenigen, die ihre Fußballtochter im Grunde sich selbst überlassen haben: mit einem Geschäftsführer Wolfgang Hotze, der als Rentner nur noch in Teilzeit arbeitet. Und einem anderen, Tim Schumacher, der als Jurist vom Eigner überwechselte, aber keine Fußballkompetenz mitbringt. Dieses Vakuum sollte, viel zu spät, der neue Aufsichtsratschef Frank Witter füllen, doch der ehemalige Zweitligaspieler vom OSV Hannover legte bei der geplatzten Verpflichtung des Sportdirektors Horst Heldt von Hannover 96 gleich mal einen klassischen Fehlstart hin. Nun soll bald immerhin Jörg Schmadtke am Haken sein, der nach seinem Rauswurf beim 1. FC Köln auf ein Angebot gewartet hatte. Der Rheinländer allerdings ist keine einfache Persönlichkeit, aber immerhin kennt er sich aus in der Branche.

Es bräuchte dringend wieder mehr Professionalität, was Kaderzusammenstellung, Mannschaftsführung, ja die gesamte Ausrichtung eines Bundesliga-Vereins angeht. Im Presseraum der Arena hängen große Plakate vom Autowerk, darunter steht das Motto für den VfL Wolfsburg: "Arbeit, Fußball, Leidenschaft." Viele nehmen es nicht mehr ernst. Vor dem letzten Bundesligaspiel hingen wütende Fans einen Sack voller Windeln an den Trainingsplatz und schrieben dazu: "DAS entstand mit mehr ARBEIT & LEIDENSCHAFT". Neben den Windeln war ein weiterer Zettel mit der Aufschrift: "Scheiße für Scheiße" befestigt. Für diese Saison scheint ein Montagsstück vom Montageband gelaufen, das mit irreparablen Mängeln behaftet ist.