Denkfehler beginnen häufig mit der Sprache. So auch hier. Schon das Wort Videobeweis, zunächst bloß im Volksmund gebräuchlich, inzwischen auch vom DFB verwendet, führt in die Irre. Videos beweisen oft wenig, auch Bilder bedürfen der Auslegung. Jedes Gesetz, im Fußball wie überall, braucht ein Subjekt, das seinen Sinn versteht und ihm Geltung verschafft. Einen Menschen, einen Schiedsrichter.

Das ist eine der Lehren aus dieser Bundesliga-Saison, die an diesem Samstag enden wird und in der erstmals der Videobeweis (auch wir verwenden das Wort) zum Einsatz kam. DFB und DFL führten ihn mit großem Optimismus ein. Er sollte Fehler reduzieren und den Fußball gerechter machen. Das war eine nette Idee, aber daran ist er, wie erwartet, weitgehend gescheitert. Bislang jedenfalls, und offenbar wird sein Nutzen nie so groß sein, wie sich das viele erhofft hatten, selbst wenn man ihn noch optimiert.

Man kann den Videobeweis aus vielen Gründen ablehnen, die nichts mit Gerechtigkeit zu tun haben. Er hemmt den Spielfluss und nimmt dem Spiel einiges von seiner Unmittelbarkeit. Doch auch in der Kernfrage, ob er Schiedsrichterentscheidungen verbessert, hat er nicht überzeugt.

Da war zunächst der sehr schwierige Anfang. In den ersten Wochen wurde nach so gut wie jedem Spieltag debattiert. Wütende Manager tobten an der Seitenlinie, verärgerte Trainer redeten sich in Rage. Das Problem war jedoch nicht nur die Technik. Der Projektleiter Hellmut Krug beging einige Fehler. Er änderte mehrfach die Strategie, erst griffen seine Videoassistenten stark ein, dann wieder weniger, dann wieder mehr. Warum und wie – das erklärte Krug den Vereinen und Fans nie gut genug.

Der Tiefpunkt war das Spiel Köln gegen Frankfurt im September, als der Schiedsrichter auf dem Platz drei Elfmeterszenen falsch einschätzte und der Mann am Bildschirm in mindestens zwei Fällen eine Mitverantwortung trug. Selbst Befürworter verloren damals den Glauben, das Projekt stand kurz vor dem Abbruch. Bald wurde Krug durch Lutz Michael Fröhlich ersetzt. "Unter ihm wurde vieles besser", sagt einer, der nah dran am Geschehen ist.

Suggestion von Objektivität

Krug wollte offenbar das Spiel nicht vom Platz aus leiten lassen, sondern, playstationmäßig, aus dem Kölner Keller. Unter Fröhlich verstehen sich die Videoassistenten nun als Unterstützer des Manns mit der Pfeife. Der ist wieder der Chef. Und Fröhlich lässt die Schiris mitreden, etwa darüber, wie man die Prozesse verfeinern kann. Vielleicht werden die Zuschauer im Stadion bald die Bilder auf der Leinwand sehen und über Lautsprecher aufgeklärt, was der Schiri warum entscheidet. Die DFL testet diese Innovation.

Tatsächlich ist die Akzeptanz des Videoassistenten wieder gestiegen, einige Fehler wurden korrigiert. Aber richtig rund läuft die Sache nicht. Zu den Mängeln muss man noch nicht mal den Halbzeitelfer von Mainz rechnen, "das Tschernobyl des Videobeweises", wie der ZEIT-ONLINE-Kolumnist und Videogegner Wolfram Eilenberger sagt. Guido Winkmann hatte schon zur Pause gepfiffen, als Bibiana Steinhaus noch einen Handelfmeter entdeckte. Manche Zuschauer waren schon am Bratwurststand, die Spieler aus Mainz und Freiburg mussten aus der Kabine zurückgeholt werden. Der Uefa-Präsident Aleksandr Ceferin, der Videos ablehnt, höhnte: "Ich habe lustige Szenen in Deutschland gesehen."

Doch die Panne von Mainz dürfte sich nicht wiederholen, Schiris sind lernfähig. Was sich hingegen wiederholen wird, ist knappes Abseits. Und selbst da, also in messbaren Fragen, halfen die Bilder nicht immer. Beim aberkannten HSV-Tor am vorigen Wochenende belegten nicht mal die viel zitierten kalibrierten Linien am TV, die dem Videoassistenten ja gar nicht zur Verfügung stehen, eine einwandfreie Abseitsposition. Jedenfalls gingen in dieser Saison schon Tore durch, bei denen der Schütze mehr im Abseits stand. Weil der Videobeweis fälschlicherweise Objektivität suggeriert, scheint diese im Abstiegskampf so wichtige Entscheidung von Frankfurt fast wie Willkür.