32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Ägypten.

"In England spielt gerade ein guter Ägypter", sagt mein Vater und gibt sichtlich stolz über seinen Fund ein Expertenräuspern von sich, bevor er fortführt: "Du solltest etwas über ihn schreiben." Der Geheimtipp, den mein Vater kurz vor dem Champions-League-Finale per Telefonat mit der Familie in Kairo gescoutet hatte, heißt Mohamed Salah. Zu dem Zeitpunkt war Salah bereits offiziell der beste Spieler Englands, inoffiziell der beste Spieler der Welt und unumstritten der Wegbereiter Ägyptens zur WM. Hinzu kommen sein humanitäres Engagement und sein bodenständiges Auftreten, die ihn zum Botschafter für die arabischen Länder und den Islam machen.

Man sollte also meinen, dass es selbstverständlich ist, dass der Fußballer für Ägypter zum Nationalhelden avanciert ist. Auch wenn es bei weniger glühenden Fußballfans wie meinem Vater etwas länger gedauert hat. Nationalheld ist eigentlich noch untertrieben. Salah ist in Ägypten allgegenwärtig, vom Nildelta bis zum Nassersee, vom Roten Meer bis zur Oase Siwa. Sein Antlitz ziert besprühte Hauswände, Werbetafeln, Kinderzimmer und allerlei Trödel auf den Basaren des Landes. Protestwähler verhalfen ihm bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen zu fünf Prozent der Stimmen, obwohl er natürlich kein Kandidat war. Das alles ist verrückt. Es ist kurios, vielleicht sogar mitreißend. Aber es ist nicht selbstverständlich.

Denn Fußball war für Ägypter seit der Revolution des 25. Januar 2011 vor allem mit Schmerz und Trauer verbunden. Die Ultras der eigentlich verfeindeten größten Clubs des Landes, Al-Ahli und Zamalek, standen beim Sturz des Mubarak-Regimes gemeinsam wortwörtlich an vorderster Front. Sie stellten sich schützend vor die Demonstranten, als Polizei und Militär sie mit Schlagstöcken und Gummigeschossen vom Tahrir-Platz vertreiben wollten.

Das ist auch den Nachfolgern Mubaraks nicht entgangen. Sie bekämpfen organisierte Fußballfans mit allen Mitteln. Seit der Revolution gab es mehrere gewaltsame Ausschreitungen in und um Stadien, die schlimmsten in Kairo und Port Said. In beiden Fällen gibt es Hinweise, dass Sicherheitskräfte die Krawalle möglich machten. Die Gewalt diente dem Staat als Vorwand, Ultra-Gruppierungen zu verbieten und Mitglieder zu verhaften oder sogar zum Tode zu verurteilen. Mohamed Salahs größter Verdienst ist weder sein sportlicher Erfolg noch sein Beitrag zur Völkerverständigung. Er hat einem ganzen Volk die Freude am Fußball zurückgegeben.

Umso dramatischer waren die ägyptischen Reaktionen auf die "Tragödie von Kiew". Mit einer stilechten Wrestling-Einlage demolierte Real-Madrid-Kapitän Sergio Ramos im Champions-League-Finale ebenjene Schulter, die die Träume einer ganzen Nation trägt. Inzwischen ist der ägyptische Verband bezüglich ihrer Genesung bis zum WM-Start vorsichtig optimistisch. Abgesehen davon ist die ägyptische Nationalmannschaft auch sonst keine Gurkentruppe. Außer meinem Vater war Salahs Qualität schon 2017 allgemein bekannt, weshalb Gegner ihn beim Afrika-Cup mit Manndeckern weitestgehend kaltstellten. Mit einigen Leistungsträgern aus Topligen und taktischer Disziplin schafften es die Ägypter trotzdem bis ins Finale. Aber welchen Effekt der Verlust eines Talismans haben kann, musste Brasilien bei der letzten WM erfahren. Genau wie Liverpool in Kiew. Torschüsse mit Salah: neun. Torschüsse ohne Salah: drei.

Warum wird dieses Team Weltmeister?

Wegen Mohamed Salah.

Warum vielleicht doch nicht?

Wegen Mohamed Salahs Schulter.

Wer kommt ganz groß raus?

Der Teamarzt.