Sein berühmtester Satz hinkt grammatikalisch etwas, aber das sagt man einem 1,93 Meter großen, 110 Kilo schweren Schrank ja eh nur ungern ins Gesicht. (Wir gehen mal davon aus, dass er es auch hier nicht lesen wird.) Also: Es ist schon ein paar Jahre her, im Jahr 2006, um genau zu sein, als ihn ein Puck am Fuß mit voller Wucht trifft und aus dem Spiel nimmt. Am nächsten Tag antwortet Alexander Owetschkin auf die Frage eines Reporters, wie es ihm denn jetzt gehe: "I’m okay; Russian machine never breaks."

Russische Maschine bricht niemals. Dieser Satz hat ihn nicht berühmt gemacht, das waren seine vielen Tore, aber er hat ihm den Ruf eines Unkaputtbaren auf dem Eis eingebracht. Im selben Spiel, in dem er den Puck abbekam, hatte er zuvor einen Gegenspieler derart unsanft mit einem Bodycheck gegen die Bande geschmettert, dass die Plexiglasverkleidung zersprang. Nach fünf Minuten Unterbrechung ging die Partei weiter.

Wer im spektakelverliebten Amerika vor laufender Kamera solche Szenen liefert, muss sich keine Sorgen machen, einer von vielen zu bleiben. In seiner ersten Saison in der National Hockey League (NHL) wurde der junge Alexander Michailowitsch Owetschkin, 1985 in Moskau geboren, gleich zum Rookie of the Year gewählt. 2010 nannte ihn die New York Times den "faszinierendsten Hockeyspieler der Welt". Seine Fans nennen ihn Owi oder schlicht Alexander the Great. Mit den Washington Capitals, bei denen er seit 2005 ununterbrochen spielt, steht er jetzt gegen die Vegas Golden Knights zum ersten Mal im Finale um den Stanley Cup.

Die Nase ist so oft gebrochen, dass sie inzwischen nach links neigt

Was einerseits für einen erfahrenen Spieler wie ihn, der den Zenit seiner Karriere langsam überschreitet, überraschend ist, andererseits gar nicht mal der interessante Aspekt seines Lebenslaufes darstellt. Den muss man in seiner Familiengeschichte suchen oder in seinen Kreml-Verbindungen, die bis zu Wladimir Putin führen.

2014, während der Winterspiele in Sotschi, lachte Owetschkin mit einer Coca-Cola-Flasche in der Hand von unzähligen Werbeplakaten auf dem Olympia-Gelände. Gut zu sehen: seine Zahnlücke, die er nach einem Hockey-Unfall nie geschlossen hat. Vor vier Jahren war Owetschkin 28, er sah aus wie ein überalter Kinderriegel-Bube. Jetzt, mit 32 und Vollbart, wirkt er wie ein in sich ruhender Bär mit hohen Wangenknochen, dessen Nase so oft gebrochen wurde, dass sie inzwischen nach links neigt.

Der Bär, wie man aus der Biologie weiß, hat fast keine natürlichen Feinde. Es gibt vereinzelte Berichte, wonach sibirische Tiger Braunbären gerissen hätten. Ansonsten kann er nur sich selbst im Weg stehen. 2017 tanzte dieser Bär auf seiner eigenen Hochzeitsfeier oben ohne zu Boney Ms Rasputin. Auf Instagram, wo ein Gast das Video hochgeladen hat, sieht man Owetschkins leicht verbeulten Oberkörper von den vielen Zusammenstößen auf dem Eis. Diese Treffer, die einem die Knochen durchschütteln, sagen Hockey-Experten, machen ihm genauso viel Freude, wie den Puck aufs Tor zu knallen.

"Owetschkin ist ein Rockstar, wie Jaromír Jágr und Pavel Bure vor ihm. Er hat unglaublich viele Tor gemacht, so viele, dass er den alten Rekord von Wayne Gretzky knacken könnte, wenn seine Karriere noch ein bisschen andauern sollte", sagte Greg Wyshynski, Reporter beim Sportsender ESPN. "In der NHL ist er einer der gefürchtetsten Schützen, ein russischer Panzer auf dem Eis. In einer Sportart, in der Individualität manchmal verpönt ist, hat Owetschkin seine Eigenheiten nie versteckt."

"Du musst wie ein Tiger sein"

In der NHL, die sich gern mit ihrem Honest John-Ethos und harter Arbeit brüstet, hatten russische Spieler lange Zeit keinen allzu guten Ruf: zu unemotional, zu teilnahmslos, nicht konditioniert für eine aufreibende Saison mit 80 Spielen.

Die Welt, in der Alexander Owetschkin aufwuchs, sah tatsächlich anders aus. Spät für russische Kinder, mit 7 Jahren, zog er das erste Mal Schlittschuhe an. Niemand in der Familie hatte eine Verbindung zu dem Sport. Tatiana, Owetschkins Mutter, war Basketballspielerin, sie gewann mit der Sowjetunion 1976 und 1980 bei Olympia die Goldmedaille. Sein Vater Mikhail stand bis zu einer folgenschweren Verletzung vor einer vielversprechenden Fußballkarriere. Danach wurde er Taxifahrer.

Der kleine Alexander, der auf dem linken Flügel spielt, lief mit 16 im Trikot von Dynamo Moskau auf. Der Club war zu Sowjetzeiten dem KGB untergeordnet. Owetschkin wuchs in einem System auf, das im Klassenkampf von der körperlichen Überlegenheit seiner Athleten überzeugt war. Über das Jugendtraining sagte er einmal in einem Interview: "Du musst technisch raffinierter sein. Du musst wie ein Tiger sein: dich verstecken, zurücknehmen – und dann aus dem Nichts kommen."

Man sieht es seinen Toren an. Mit Briefmarkensammlereifrigkeit haben Fans unzählige seiner spektakulärsten Treffer in Youtube-Videos kuratiert. Mal dreht er sich, wie im Februar 2009 gegen Montreal, um 360 Grad, spielt sich den Puck über Bande selbst zu und hebt dann im Fallen den Puck über das ausgestreckte Bein des Torwarts. Mal stolpert er, landet auf dem Rücken, wie im Januar 2006 gegen Phoenix, führt den Puck weiter mit sich und versenkt ihn irgendwie hinterrücks im Tor. Einstudieren kann man diese ungelenken Spielzüge nicht. Vielleicht ist das sein Geheimnis: Owetschkin ist ein Tiger, der aussieht wie ein Bär.

"Er kann durch den Torwart durchgucken", sagte Barry Trotz, Owetschkins aktueller Trainer, vor Beginn der Saison in einem Interview, über die Torqualitäten seines Starspielers. "Einige der besseren Schützen in der Liga sehen den Torwart nicht. Sie sehen Lücken. Spieler, die keine Knipser sind, sehen den Torwart."