32 Mannschaften treten bei der Fußball-Weltmeisterschaft an. Für jede hat eine Redakteurin oder ein Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Australien.

Wenn mir sehr entfernte Bekannte mitteilen, sie lebten jetzt schon seit einer Weile in Australien, hatte ich bisher die Vermutung, sie wohnten in Wahrheit in der Nähe von Düsseldorf und suchten nur eine Ausrede, warum sie sich so selten blicken ließen. Australien ist für mich bis heute ein sagenhaftes Fantasieland, in das Menschen ohne Flugangst aufbrechen und bisweilen nicht mehr wiederkommen, weil sie sich doch in den Surflehrer verknallt haben oder leider einer abstrus gefährlichen Mottensorte begegnet sind, deren Gift einen in Sekunden …

Ein Land, in dem man am Morgen in eine dieser glänzenden Dampflokomotiven steigt und Tausende Kilometer lang an marsroter Wüste, an vor Tau schimmernden Küstenwäldern, an sehenswerter Tierwelt und am Rucksackmillennial Marius (24) vorbeifährt, also an einem Gesamtpanorama, gegen das Nord- und Mitteleuropa auf die Schönheit eines westfälischen Autobahnwalds zusammenschrumpft. Als hätte ein gutmütiger Landschaftsarchitekt das Südengland des 19. Jahrhunderts und Kalifornien aus den Neunzigern ineinandergeschoben, wie man sich ja im Wesentlichen den Himmel vorstellt, und an den Stränden brechen sich sieben Meter hohe Wellen. Und wo es sieben Meter hohe Wellen gibt, ist alles nicht vergebens.

Sie merken sicherlich: Ich habe absolut keine Ahnung von Australien. Ich bitte darum, das nicht als Ignoranz zu verstehen, sondern als Versuch, mir ein wenig kindlichen Zauber in einer Welt zu bewahren, in der "die Wirklichkeit" andauernd "anders aussieht" und selbst Fußballfelder inzwischen aufgeteilt sind wie ein Großraumbüro. Und natürlich habe ich deshalb auch keine Ahnung von australischem Fußball, was mich aber mit den meisten WM-Zuschauern verbindet, zumindest mit Lothar Matthäus.

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Ich habe gelesen, dass die australische Nationalmannschaft vierfacher Ozeanienmeister ist. Vierfacher Ozeanienmeister zu sein, bedeutet in der Welt des ZDF und der Taktiktische natürlich nicht viel, aber es klingt viel schöner als zum Beispiel Europameister und umfasst interessantere Auswärtsspiele, gegen die Cookinseln, gegen Fidschi und Neukaledonien, mit tollen Fantasieergebnissen wie 10:1 und so weiter. Dass die australische Nationalmannschaft sich selbst als "Socceroos" bezeichnet, finde ich ein wenig albern, aber im Vergleich mit der deutschen Nationalmannschaft verzeihlich, die sich ja "Die Mannschaft" nennt, als sei sie gerade aus dem Werk von VW gerollt.

In der Qualifikation zu dieser WM hat Australien außerdem nur eine Partie gegen Jordanien verloren. Ihrem Stürmer Mile Jedinak verdanken sie es überhaupt, dass sie bei diesem Turnier dabei sind, er schoss im entscheidenden Spiel drei Tore gegen Honduras. Einige ihrer wichtigsten Spieler kennen deutsche Zuschauer aus der ersten und zweiten Bundesliga, Mathew Leckie von Hertha BSC zum Beispiel oder Robbie Kruse vom VfL Bochum. Als größter Star gilt trotzdem der Mittelfeldspieler Tim Cahill vom britischen Rowdyclub Millwall. Es ist Cahills vierte WM, inzwischen ist er 38, was ihn in der Fußballzeitrechnung zu einem sogenannten Routinier macht, während man in anderen Berufen, sagen wir im Journalismus, in diesem Alter noch mit "junger Freund" angesprochen wird. Trainiert wird die Mannschaft von Bert van Marwijk, der auch einmal Übungsleiter in Dortmund war, irgendwann in einem Jahrhundert, als die Tore noch eckige Pfosten hatten.

Ich habe übrigens als WM-Pate ein wenig Angst, dass vor Australienspielen ständig Augenzwinkerbeiträge über Kängurus gezeigt werden und lustige Gifs über Koalas, die vom Baum fallen, weil ihre Reaktionszeit angeblich so hoch sei wie von allen Torhütern aus dem Commonwealth oder umgekehrt. Aber nun zum Wesentlichen:

Warum wird dieses Team Weltmeister?

Weil es der einzige Kontinent ist, der geschlossen antritt. Eindeutiger Wettbewerbsvorteil.

Warum vielleicht doch nicht?

Muss es gar nicht. Schlägt es die anderen eben beim nächsten Mal im Surfen. Außerdem ist Ozeanienmeister sehr o. k.

Wer kommt ganz groß raus?

Hoffentlich Adorno beziehungsweise seine wunderbare Bitte an den Frankfurter Zoo, ein australisches Wombatpärchen zu erwerben: "Ich kann mich an diese freundlichen und rundlichen Tiere mit viel Identifikation aus meiner Kindheit erinnern und wäre sehr froh, wenn ich sie wiedersehen dürfte."