32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Brasilien.

Es ist eine komplizierte Sache, bei dieser Fußball-WM an der Seite der Brasilianer zu sein. Es ist unklar, welche Brasilianer gemeint sind. Bevor ich 2013 in dieses Land umzog, war es angeblich einfach mit dem brasilianischen Fußballpatriotismus. Wenn eine WM kam, eine Copa, dann wurde jeder Brasilianer zum Fußballfan, und jeder jubelte für die Seleção.

Aber schon im Vorfeld der Fußball-WM vor vier Jahren, die in zwölf brasilianischen Städten stattfand, war das offenkundig anders. Die Sache roch nach Politik. Auf den Straßen sah ich Millionen von Menschen, die gegen die grassierende Korruption demonstrierten und überhaupt gegen alle möglichen Ungerechtigkeiten im Land. Sie machten sie (sehr zu Recht) auch an dem Fußballgroßereignis fest und erfanden den Schlachtruf: Não vai ter Copa! Es wird keine Fußball-WM geben!

Natürlich gab es am Ende doch eine WM, die Stimmung wurde auf die letzte Minute sogar recht gut, zumindest bis zur 7:1-Blamage gegen die Deutschen. Jetzt, vier Jahre später, sieht es aber trüber aus. In einer Umfrage, die Anfang Juni gemacht wurde, gaben 42 Prozent der befragten Brasilianer an, dass sie "überhaupt kein Interesse" an der WM hätten. Weitere 31 Prozent bekundeten "wenig Interesse".

Wieder liegt es an der Politik. Gerade gab es einen massiven Lastwagenfahrerstreik auf den Straßen, der das halbe Land lahmlegte, er richtete sich wieder gegen Korruption, Ungerechtigkeit und eigentlich alles, was schiefläuft im Land. Brasilien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise, die auch nach Jahren nicht enden mag, und die Demokratie des Landes steht auf der Kippe: Fast alle im Land lehnen die derzeitige, ungewählte Regierung ab, rechtzeitig vor den Neuwahlen im Herbst wurde aber der führende sozialistische Kandidat ins Gefängnis gesteckt. Nun hat ein Faschist und Fan der Militärdiktatur beste Aussichten.

Und jetzt muss man wissen, dass Trikots im traditionellen Gelb-Grün-Blau der brasilianischen Nationalmannschaft bei Straßendemonstrationen zu einem Symbol der Rechten geworden sind – jener, die national denken und die bei fußballerischen Erfolgen auch eher Aufwind bekommen.

Die anderen 50 Prozent des Landes, die eher sozialdemokratisch oder links denkenden Menschen, wissen nun nicht recht, wie sie damit umgehen sollen. Puristen lehnen die Riesenshow "Fußball-WM" rundheraus als Brot und Spiele ab, als mediale Riesenshow, die das Volk von den größeren Problemen des Landes ablenkt. Andere erklären – in Umfragen wie der obigen zum Beispiel –, dass sie schlicht keine Lust auf Fußball haben.

Aber insgeheim wissen sie wohl, dass es wieder anders kommt, dass nach ein paar Tagen medialem Dauerfeuer und ersten Erfolgen der Seleção auch die Partylaune zurückkehrt. Im Handel wurden bereits rote Trikots gesichtet, mit denen man trotzdem Fußballfan sein kann, ohne seine politische Einstellung zu verraten. Ich mische mich jedenfalls in den kommenden Wochen unter die Brasilienfans und schaue mir die Stimmung genau an. Über die Feinheiten meiner Trikotwahl denke ich noch nach.

Warum wird dieses Team Weltmeister?

Weil bei den Brasilianern die Psychologie die entscheidende Rolle spielt. Das 7:1 aus dem Jahr 2014 war ein kollektiver Nervenzusammenbruch, aber nach Russland reist die Seleção mit großem, aber nicht mehr ganz so großem Erwartungsdruck. Allein schon weil sie sich kaum mehr blamieren kann als vor vier Jahren gegen die Deutschen!

Warum vielleicht doch nicht?

Eigentlich aus dem gleichen Grund.

Wer kommt ganz groß raus?

Natürlich Neymar, der in diesen Tagen noch viel darüber klagt, dass ihm sein Fuß wehtut. Er reise "nicht hundertprozentig fit" nach Russland. Wir wissen aber noch um die übermenschlichen Erholungskräfte Neymars, der 2014 dramatisch wegen einer Verletzung am Rücken ausschied. Nach Auskunft der Ärzte sollte sie ihn monatelang außer Gefecht setzen, aber beeindruckend schnell wurde er wieder tanzend auf Jachten voller Models und Promis gesehen.