32 Mannschaften treten bei der Fußballweltmeisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE oder DIE ZEIT die Patenschaft übernommen. Unsere WM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie ihre Jungs porträtiert. Hier: Costa Rica.

Es gibt Menschen, die gucken Fußball wegen der Märchen. Nicht wegen dem Märchen, dass bei der Vergabe einer Fußball-WM stets alles mit rechten Dingen zugeht. Sondern den Märchen auf dem Platz, den Wundern und Sensationen. 2014 in Brasilien konnte man ein solches Fußballwunder bestaunen: Costa Rica schlug in der vermeintlichen Todesgruppe erst Uruguay, dann Italien und ging nach einem Remis gegen England als Gruppenerster in die Hauptrunde. Und alle so: Que? Erst im Viertelfinale wurden Los Ticos, wie sich die Costa Ricaner selbst nennen, von den Holländern gestoppt – im Elfmeterschießen, in dem der Oranje-Trainer Louis van Gaal noch psychologische Schießführung anwandte und den Keeper auswechselte.

Mit dem größten Erfolg mittelamerikanischer Mannschaften seit vielen Jahren hat Costa Rica gezeigt: Ja, die Kleinen können bei einer WM immer noch die Großen ärgern. In Russland wird Costa Rica nun versuchen, den Erfolg zu wiederholen und das eigene Märchen weiterzuschreiben.

Natürlich sind die Voraussetzungen diesmal andere. Nach erneut ungefährdeter Qualifikation ist Costa Rica nicht mehr so sehr Underdog wie noch vor vier Jahren. Der Torhüter Keylor Navas hat zuletzt mit Real Madrid dreimal hintereinander die Champions League gewonnen und darf sich allein deshalb als einen der besten Torhüter der Welt bezeichnen. Der Rest der Mannschaft hat zwar nicht ganz sein Niveau, aber der Kapitän Bryan Ruiz von Sporting Lissabon, Joel Campbell von Betis Sevilla und Celso Borges von Deportivo La Coruña können an guten Tagen so manche Abwehrreihen durcheinanderwirbeln. Auch wenn die Stärke Costa Ricas eher das gediegene Maurerhandwerk ist.

Der Rest der Mannschaft könnte sich auch zufällig in einem Hostel auf Bali getroffen haben –  Kolumbien, USA, Schweden, Italien, England, Schottland, Schweiz, Kanada und Spanien: In diesen Ländern sind die Spieler beschäftigt. Bei so viel internationalem Austausch haben sie sich über einer Portion gallo pinto nach dem Training bestimmt einiges zu erzählen. Und wenn etwas für Costa Rica spricht, dann ist es die Geschlossenheit als Team, das sich als goldene Generation sehen darf. Das Gros der Mannschaft spielte bereits vor vier Jahren zusammen, was gleichermaßen Fluch und Segen ist. Die Spieler sind zwar erfahren, sie gehören aber auch im Durchschnitt zu den Ältesten bei dieser Weltmeisterschaft. Nach zuletzt durchwachsenen Testspielen müssen sie ihre Leistung noch steigern, denn in Russland warten mit Brasilien, Serbien und der Schweiz erneut starke Gegner.

Aber auch wenn der Fußball der Ticos nicht immer ganz an die Schönheit der heimischen Natur herankommt, gibt es gute Gründe, dem Team die Daumen zu drücken. Vor Kurzem hat der neue Präsident verkündet, bis zum Jahr 2021 gänzlich auf den Einsatz fossiler Brennstoffe verzichten zu wollen. Schon jetzt bezieht das Land große Mengen seines Stroms aus nachhaltigen Energien, ein Drittel der Fläche steht unter Naturschutz. Costa Rica hat eine der stabilsten Demokratien in ganz Mittel- und Südamerika und keinen Despoten an der Macht, dem die Nationalspieler vor und nach der WM artig die Hand schütteln müssen. Eine Armee? Gibt es seit 1949 nicht mehr. Stattdessen gilt das Lebensmotto pura vida: pures Leben, schönes Leben. Das ist so kitschig, es könnte fast aus einem Märchen stammen.

Warum wird Costa Rica Weltmeister?

Weil es nicht befürchten muss, anschließend von Russland annektiert zu werden.

Warum vielleicht doch nicht?

Weil nach dem Titelgewinn plötzlich alle nach Costa Rica reisen wollen und der Massentourismus bislang noch jedes schöne Fleckchen Erde ruiniert hat.

Wer kommt ganz groß raus?

Javi the Frog, Costa Ricas glitschig-buntes Maskottchen.