Du weißt, Du hast nur eine Chance, nur noch diese eine Chance. Es läuft die 95. Spielminute. Zwischen Deutschland und Schweden steht es 1:1. Bliebe es dabei, hieße das, Deutschland, die Nation, die fast nie ein WM-Halbfinale verpasst, würde mit großer Wahrscheinlichkeit zum ersten Mal in der Vorrunde ausscheiden. Nur noch einen Freistoß, nur noch diesen einen Freistoß. In solchen Momenten heißt es: Mann oder Maus?

Toni Kroos legt den Ball auf den Rasen. Die Position ist nicht zentral, der Winkel ist spitz, doch Kroos hat einen Plan. Kurzer Anlauf, Marco Reus assistiert, stoppt den Ball, und Schwedens Tormann, der wohl mit einer Flanke rechnet, macht einen winzigen Schritt in die Mitte. Und wer will, kann nun jedes Mal, wenn er an den folgenden wundersamen Moment denkt, die Zeit gedanklich still stehen lassen ...

… dann schießt Kroos und der Ball fliegt einen Bogen, wie er schöner nicht sein könnte, ins Netz. Toni Kroos hat diese eine Chance genutzt. Cooler geht’s nicht.

Ein Fußballland vor dem Absturz

Dieses Tor ist ein Blitz. Die Ersatzbank springt auf – man hat gar nicht gewusst, wer da alles draufsitzt – und rennt geschlossen zum Schützen, der sich vor den deutschen Fans aufgebaut hat. Das Tor setzt eine Entladung frei – Befreiung, Ekstase, auch beim Trainer Löw, den man selten so aufgewühlt gesehen hat. Kroos' Treffer bringt den Sieg, verhindert die Schmach, und so löst sich deutsche Angst in einem langen, lauten Schrei auf.

Welch Drama hat sich da im subtropischen Sotschi abgespielt! In Unterzahl und im allerletzten Moment bewahrt Toni Kroos mit einem Freistoßtor ein ganzes Fußballland vor dem Absturz. Und schürt sogleich die Hoffnung auf die Wiederauferstehung seiner Mannschaft.

Es drohten Hämegewitter

Als die erste Halbzeit vorbei war, waren die Folgen eines frühen Ausscheidens schon absehbar: Trainerdebatten, Verbandskrise, Hämegewitter und allen Beteiligten einen Eintrag ins Schwarzbuch des deutschen Fußballs. Die erste Halbzeit kann man als Beleg dafür nehmen, dass die schwache Leistung gegen Mexiko kein Zufall gewesen ist.

Zwar begann die Mannschaft initiativ, man merkte ihr an, sie will sich rehabilitieren. Doch die Mängelliste zog sich von hinten bis vorne. Der Sturm griff unpräzise an und die deutsche Abwehr machte es dem Gegner einfach. Ein Ballverlust Antonio Rüdigers ermöglichte dem Schweden Marcus Berg eine Konterchance. Jérôme Boateng konnte noch stören. Manch anderer Schiedsrichter hätte wohl Elfmeter und Rot gegeben.

Kroos, der Antiheld

Auch Kroos trat in der ersten Halbzeit in Erscheinung, allerdings noch als Antiheld. Der deutsche Spielmacher, der sonst seinen Mitspieler fast nie verfehlt, leistete sich in der ersten Halbzeit zwei Fehlpässe mit fataler Wirkung. Der erste führte zur Verletzung Sebastian Rudys, der für Sami Khedira in die Mannschaft gekommen war und ihr Ruhe und Sicherheit verlieh. Doch aus der Nase blutend musste Rudy dann unter den besorgten Augen Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrts ausgewechselt werden. 

Kroos' zweiter Fehlpass führte zum sehr eleganten Tor der Schweden durch Ola Toivonen. Die führten zur Halbzeit, wie gegen Mexiko kann man beinahe sagen, nur mit 1:0.