Früher fielen die schönsten und wichtigsten deutschen Tore in Jahrhundertspielen gegen England und Italien, jetzt bei 2:1-Siegen in der Vorrunde gegen Schweden. ZEIT ONLINE erinnert sich an die ikonischen WM-Tore der deutschen Fußballgeschichte. Und nimmt den Wunderschuss von Kroos gleich mit auf.

Das Spiel ist aus

1954: Helmut Rahn, 3:2 im WM-Finale gegen Ungarn, 84. Spielminute

"Aus! Aus! Aus, das Spiel ist aus!" Das Wunder von Bern, das 3:2 gegen Ungarn nach frühem 0:2-Rückstand, vielfach niedergeschrieben, verfilmt, bebildert, ist immer noch das größte Erlebnis in der Hörfunkreportage von Herbert Zimmermann. Seine Sätze, elegant, schlau und sportmännisch, bindet der Reporter zu ewigen Schleifen. Nicht der beste, aber dafür der berühmteste Kommentar: "Aus dem Hintergrund könnte Rahn schießen. Er schießt. Tooor, Tooor, Toor!"

Der deutsche Boss, nicht Bruce Springsteen, Helmut Rahn, dampframmt Deutschland zum ersten WM-Titel. Das erste Sommermärchen erfasst Deutschland, es heilt für einige Menschen die letzten Kriegswunden. Man ist wieder wer, Weltmeister nämlich. Leider hilft der WM-Titel nicht bei einer rascheren Holocaust-Aufarbeitung und der Entnazifizierung.

Mit Köpfchen

1970: Uwe Seeler, 2:2 im Viertelfinale gegen England, 82. Spielminute

Die Hitze staut sich im Estadio Guanajuato in León, Zentral-Mexiko. Die deutsche Mannschaft wirkt ausgedörrt. Die Engländer um Sir Bobby Charlton führen bei der Wiederauflage des WM-Finales von 1966 mit 2:0. Erst in der 69. Minute gelingt Franz Beckenbauer der Anschluss. Was folgt, ist der berühmteste Kopfball der WM-Geschichte. Uwe Seeler köpft eine Flanke mit dem Hinterkopf über Englands Torhüter Peter Bonetti hinweg.

Deutschland gewinnt das Spiel anschließend in der Verlängerung. Gerd Müller, der Bomber der Nation, macht es in artistischer Schönheit, 3:2. Die Revanche für Wembley glückt, und Müller tut sogar was für seine Figur. Während des Spiels soll er, so die Legende, 4,5 Kilo verloren haben.

Schnellingers Rache

1970: Karl-Heinz Schnellinger, 1:1 im Halbfinale gegen Italien, 90. Spielminute

Um es vorwegzunehmen: Es war nicht das Tor, das Deutschland den Sieg gegen Italien brachte. Im Gegenteil. Die deutsche Elf verlor das Jahrhundertspiel mit 3:4. Vor über 100.000 Fans im Aztekenstadion von Mexico-Stadt, bei 50 Grad im Schatten. Aber, das zumindest: Es ist das Tor, dass den Italienern wichtige Kräfte für das Finale raubt. Einen Flankenball grätscht Schnellinger nämlich ins Tor, in der letzten Minute, der 90., es ist das 1:1 im WM-Halbfinale. Es geht in die Verlängerung, Deutschland führt dort, Italien gleicht aus, Italien führt, Deutschland gleicht aus. Dann schießt Gianni Rivera die Blauen zum Sieg.

Im Finale verlieren die ausgelaugten Jahrhundertspiel-Gewinner mit 1:4 gegen Brasilien, die Entscheidung fällt tief in der zweiten Halbzeit. Die 30 Extraminuten gegen Deutschland fehlen den Italienern im Tank. Schnellingers Rache.

Als die Tulpen verblühten

1974: Gerd Müller, 2:1 im Finale gegen die Niederlande, 43. Minute

Eine Szene, bei der sich jeder Ottonormalstürmer das Hüftgelenk auskugeln würde. Gerd Müller, mal wieder er, schoss mit einem präzisen Flachschuss das 2:1 zum WM-Sieg. Sein Schuss aus der Drehung, damals eine der größten Bedrohungen im internationalen Fußball, traf die Niederländer erst ins linke Toreck und dann ins Mark.

Die Deutschen konnten sich damals in München sogar eine extra Portion Schlaf gönnen. Der Wecker piepte erst 53 Sekunden nach Spielbeginn. Johan Cruyff hatte sich da schon in den Strafraum geschlängelt und Bekanntschaft mit den gestreckten Beinen von Uli Hoeneß gemacht. Teamkollege Johan Neeskens verwandelte vom Punkt sicher. Doch das half alles nichts, die niederländische Leichtigkeit verblühte schneller als ihre Tulpen. Schade eigentlich, die Niederlande mit ihrer Charaktertruppe hätten einen Titel verdient gehabt.  

Der schönste Ausgleich der WM-Geschichte

1982: Klaus Fischer, 3:3 im Halbfinale gegen Frankreich, 108. Minute

Am 22. September 1984 reichten sich François Mitterrand und Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof in Verdun die Hände. Eine Geste der Versöhnung. Mehr als zwei Jahre zuvor, am 8. Juli 1982 in der Nacht von Sevilla, flackerte die alte Rivalität auf. Die Fieberkurve des Halbfinales, sportlich ohnehin brisant, stieg in der 60. Minute in gefährliche Bereiche. Toni Schumacher hatte Frankreichs Patrick Battiston brutal umgemäht. Der Stürmer verlor zwei Zähne, erlitt eine Gehirnerschütterung und Wirbelverletzungen.

Bitter für Frankreich: In der Verlängerung verspielte man eine 3:1-Führung und kassierte wohl den schönsten Ausgleich der WM-Geschichte. Klaus Fischer wuchtete sich in die Luft und donnerte einen Fallrückzieher ins Tor. Das 3:3, die Moral der Franzosen war gebrochen. Im Elfmeterschießen gewannen wie immer die Deutschen.