Es war eine finstere Aussage von Toni Kroos und sie steht sinnbildlich für den gefühlsarmen Auftritt der Nationalmannschaft bei der WM in Russland: "Viele Deutsche hätten sich gefreut, wenn wir ausgeschieden wären", sagte er nach dem Siegtor gegen Schweden. "So einfach machen wir es denen nicht." Man weiß nicht genau, wen er meinte, doch in jedem Fall irrte Kroos, denn viele Deutsche fiebern mit ihrer Nationalelf. Vor allem brachte er im für deutsche Fans schönsten Moment dieses Turniers ein destruktives Element ins Spiel.

Es fiel noch ein wichtiger Satz in diesen Tagen. "Von uns allen war die Bereitschaft nicht groß genug, man hat nicht gemerkt, dass wir eine Weltmeisterschaft spielen." Das sagte Manuel Neuer. Es ist eine ehrliche und richtige Aussage, aber auch eine alarmierende. Man muss sie mit der von Kroos zusammenfügen, um das sensationelle Aus der Deutschen zu erklären.

Deutschland hat dank eines riesigen Systems aus Stützpunkten und Leistungszentren viele gut ausgebildete Fußballer. Die Besten repräsentieren in der Nationalmannschaft das Fußballland, in dessen Auftrag sie antreten. So war es immer, so ging es sehr oft gut. Doch irgendwas ist bei dieser WM, der ersten, die ausschließlich von der Generation Internat der Vereine geprägt wurde, anders gewesen, verloren gegangen.

Als Kollektiv haben sich die deutschen Spieler in Russland jedenfalls nicht präsentiert. Ihr Verhalten nicht nur auf dem Platz lässt die Fragen zu: Sind sie aus anderen Gründen Fußballer geworden als ihre Vorgänger? Wissen sie überhaupt noch, warum sie Fußball spielen?

Es fing an mit der Erdoğan-Affäre. Die Leute wollten Antworten von Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Die beiden hätten öffentlich und nicht nur dem Bundespräsidenten erklären können, was es ihnen bedeutet, das deutsche Trikot zu tragen. Ein Großteil der Menschen in dem Land, für das sie spielen, hätte doch verstanden, dass sich die beiden auch dem Land ihrer Vorfahren und Verwandten verbunden fühlen. Sie kniffen und das Problem wuchs.

Andererseits, wo war die Solidarität ihrer Mitspieler mit den beiden, die sich nicht nur berechtigter Kritik, sondern auch Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt sahen? Die Schweden haben es vorgemacht. Die Mannschaft versammelte sich hinter Jimmy Durmaz, der nach einem Foul von Fans rassistisch beleidigt wurde. Es sprach der Trainer, Durmaz las eine Erklärung vor, dann riefen alle Spieler: "Fuck Racism!" Schweden gewann danach übrigens 3:0 und steht im Achtelfinale.

Kann man sich eine solche Aktion von der deutschen Mannschaft vorstellen? Wird jemand aus ihren Reihen den Pöblern entgegnen, dass das Vorrundenaus nicht die alleinige Schuld Mesut Özils ist, der seit fast einem Jahrzehnt ein wichtiger Teil der Mannschaft ist und in Russland zu den Nichtganzsoschwachen gehörte?

Das Gefühl, einige kicken nur für sich

Eher ist damit zu rechnen, dass nun viele ihre Haut retten wollen. Sami Khedira gibt bereits wieder Interviews in der Rolle als Führungsspieler, obwohl bei ihm eine große Lücke zwischen Anspruch und Leistung klaffte. Von Kroos ist noch in Erinnerung, dass er nach dem Mexiko-Spiel zu verstehen gab, dass die Gegner gewonnen hätten, weil sie ihn gedeckt hätten – und das bei seinen Mitspielern nicht nötig war.

Mats Hummels, ein weiterer Weltmeister, verursachte mit einem Fehler den Siegtreffer der Mexikaner mit. Danach kritisierte er im Fernsehen seine Mitspieler, die seine Mahnungen übergangen hätten. Dabei wäre es auch seine Aufgabe gewesen, die defensiven Schwächen, die die Elf tatsächlich offenbarte, im Training oder auf dem Platz abzustellen.

So entstand bei vielen Fans das Gefühl, dass einige nur noch für sich kicken. An den Reaktionen der Spieler auf das Aus kann man zudem erkennen, dass ihnen der Schaden für den deutschen Fußball kaum bewusst ist. Wenige wirkten geknickt, Manuel Neuer sicher, vor allem Thomas Müller. Er hat nicht gut gespielt, aber man sah ihm nach dem Abpfiff in Kasan an, was die Niederlage mit ihm machte. Er weinte sehr, er litt, er begriff den Schaden für den deutschen Fußball. Andere gaben kühle Statements ab, ihre Selbstkritik klang so pflichtschuldig wie ihre Entschuldigungen auf Instagram.

Eine Generation, der alles abgenommen wird?

Es ist aber nicht nur der Fehler der Spieler. Es ist auch der Zeitgeist, so sind viele Fußballer in der Ära der Selbstoptimierer nun mal. Und der Fehler liegt auch im System.

Die deutsche Nachwuchsindustrie produziert verlässlich gehobene Qualität. Doch immer mehr Beteiligte möchten eine Wertedebatte führen. Der Psychoanalytiker Yvo Kühn, dessen Sohn für die deutsche U19 spielt, warnte davor, dass Spieler in eine "ungesunde Abhängigkeit von dem System" gerieten. Zuletzt sagte der U21-Trainer Stefan Kuntz, es wachse eine Generation heran, der alles abgenommen werde. Manche Jugendliche wissen nicht, wie man ein S-Bahn-Ticket kauft, geschweige denn, wie man mit Erwachsenen kommuniziert. Wie diese beiden Kritiker denken einige.