Was am Mittwoch in Kasan geschah, ist sehr menschlich. Im Erfolg macht man die meisten Fehler. So ist es auch dem deutschen Fußball ergangen. Der hat in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten einen Aufschwung erfahren und vor vier, fünf Jahren zwei Höhepunkte erlebt: zunächst ein deutsches Champions-League-Finale, dann den Weltmeistertitel in Brasilien.

"Die Nummer eins der Welt sind wir!", sangen die Fans seitdem, sogar noch während der zweiten Halbzeit im desaströs lahmarschigen Spiel gegen Südkorea. Die Fans dürfen das, aber offenbar glaubten dies auch viele Manager, Trainer, Spieler, Experten, Medien. Der deutsche Fußball neigt zur Selbstüberschätzung und -herrlichkeit, sogar Joachim Löw nahm dieses Wort nach der historischen Niederlage in den Mund. Nun kam das Ende.

Es gab die Erdoğan-Affäre, mit dem Hotel in Watutinki waren einige nicht zufrieden, die Pressearbeit des DFB wird immer austernhafter, der Verband und die Mannschaft werden unnahbarer. Das mag alles ein wenig zur Blamage in Russland beigetragen haben, doch sie hat vor allem sportliche Gründe.

Sattheit ist schlecht, im Sport besonders, und man findet für sie reichlich Indizien in Fußballdeutschland. Der deutsche Fußball ist weniger gut, als viele denken. So redeten Löw und seine Mannschaft die ordentliche, aber keineswegs weltmeisterliche Leistung bei der EM 2016 in Frankreich schön. Der Sieg im unbedeutenden Confederations Cup im Vorjahr verstärkte zudem den Eindruck, man könne sich auf die Das-wird-schon-noch-Haltung verlassen. Ein Beleg: Marco Reus plauderte nach der Niederlage gegen Mexiko aus, er sei geschont worden, weil ein Turnier lang dauere, wie Löw gesagt habe.

Dabei hat die Führung der Nationalmannschaft offenbar in der Analyse übersehen, dass es der Elf seit dem Triumph in Rio schwerfällt, starke Gegner zu besiegen. So wie Bundesligavereine im Europapokal gegen Teams aus Bulgarien, der Türkei oder Slowenien ausscheiden, also aus Ländern, die viel weniger Geld haben. Nur die Bayern sind konkurrenzfähig, und die sind auch nicht mehr so stark wie zuvor. Auch die Schwäche der Liga ist ein Grund für das Scheitern 2018.