Das Tor des Tages war eine üble Szene. Khedira verlor den Ball, Hummels rückte aus der Abwehr und verließ seinen Posten, Boateng ließ seinem Gegner Platz und verpasste den Zeitpunkt zum Zweikampf, Kimmich turnte vorne rum, Özil war im Strafraum falsch aufgehoben, Kroos traf zu spät ein: 0:1 für Mexiko durch Hirving Lozano, das Spiel der deutschen Mannschaft ging dann verloren.

Die Niederlage ist hochverdient, die Situation war typisch für diese Partie. Khedira verlor oft den Ball, Hummels rückte häufig aus der Abwehr, Kimmich turnte ständig vorne rum, Özil war mancherorts falsch aufgehoben und Kroos traf gelegentlich zu spät ein. Und noch mal zum Nachsprechen: die letzten beiden Deutschen, die das Tor verhindern wollten, waren die beiden Spielmacher Özil und Kroos. So viel zum Thema Ordnung und Struktur.

Nach einer bisweilen unfassbar schlechten Leistung unterlagen die behäbigen Weltmeister Mexiko, das dieses Auftaktspiel sehr verdient gewann. Man kann ja mal verlieren, aber dieses 0:1 war vielleicht mehr als eine Niederlage. Sie enthielt ein paar alarmierende Signale. Doch gemessen an den Reaktionen der Deutschen ist nicht klar, ob sie bei allen angekommen sind.

Schon in der ersten Aktion steckte alles. Lozano kurvte im Strafraum um Kimmich, als wäre der Luft, und Boateng blockte seinen Schuss gerade noch rechtzeitig. Nach nicht mal einer halben Minute hätten die Mexikaner fast geführt. Es sollte nicht ihre letzte Chance bleiben.

Nächste Szene, etwa Mitte der ersten Halbzeit: Kroos wurde an der Mittellinie aus dem Stand ausgespielt, und dann öffneten sich den Mexikanern im deutschen Mittelfeld sofort unendliche Weiten. Zwei simple Diagonalpässe folgten und nur weil der letzte ein bisschen zu steil geriet, blieben die Deutschen vor einer klaren Chance für den Gegner verschont.

Keine gut erspielte Torchance

Die Mexikaner mussten also nicht mal mit viel Witz und auch nicht vielen Spielern angreifen, um die deutsche Defensive ins Schwitzen zu bringen. Lange nicht mehr hat man sie so schlecht gesehen. Der Vergleich mit dem 2014er Achtelfinale gegen Algerien trifft nicht, denn da schwamm sie nur in den ersten zwanzig Minuten.

Mexiko blieb nahezu das gesamte Spiel über gefährlich gegen die deutsche Verteidigung, die langsam wirkte, sowohl physisch als auch geistig. Das deutsche Mittelfeld war im Falle des Ballverlusts ungeordnet – und der Ball ging oft verloren. Hätten die Mexikaner die vielen Konter, bei denen einem der Mund offenstand, besser zu Ende geführt, wäre Deutschland nicht mit einem 0:1 davongekommen.

Vorne staute sich einiges. Mesut Özil konnte den Ball noch am besten behaupten, richtete aber beim Gegner keinen Schaden an. Toni Kroos verfing sich im Netz mexikanischer Manndeckung. Thomas Müller erwies sich als von ähnlich geringem Nutzen wie Timo Werner, der immerhin zwei harmlose Schüsse hinterlegte. Julian Draxler wagte kein Eins gegen Eins, sondern offenbarte seine Qualitäten bei Rückpässen. Eine gute erspielte Torchance konnten die Deutschen nicht verzeichnen.

Auch der Spielaufbau litt an Eindimensionalität. Entweder passte Boateng auf Kimmich, der nicht ein einziges Dribbling gewann und genormte Flanken schlug. Oder er lancierte lange Bälle zum Gegner oder Linienrichter. Sami Khedira unterliefen Fehlpässe spießigster Art, einmal gar im deutschen Strafraum. Mit Arbeit gegen den Ball, wie es so blöd heißt, konnte er das nicht wettmachen. Erstaunlich, dass er erst nach sechzig Minuten ausgewechselt wurde.

Mexiko spürte die deutsche Schwäche früh. Die Zuschauer machten im Luschnikistadion großen Lärm. Wie viele waren da? 30.000? 40.000? Krach gemacht haben sie für eine Million. Das Erdbeben, das man in Mexiko nach dem Tor gemerkt haben will, hätte auch in Moskau gemessen werden können. In Russlands Hauptstadt herrscht seit Tagen Sombreroalarm. Auch trendig: Federkopfschmuck, Ponchos in Nationalfarben, Wrestlingmasken. Ob die Deutschen Özil auspfiffen, ist nicht überliefert. Falls ja, man hätte es nicht gehört.

Nur wenige ermunternde Zeichen

Insbesondere zeigte sich Mexiko als Mannschaft. Möglicherweise hat sich das Team in der Vorbereitung ein paar fußballeraffinen teambildenden Maßnahmen unterzogen. Jedenfalls wirkten sie hungrig im Vergleich zur deutschen Elf. Die bot nicht nur eine schwache Leistung, sondern offenbarte auch Risse.

Kroos zeigte wieder mal eine abfällige Geste gegenüber einem Mitspieler, in dem Fall traf es den eingewechselten Marco Reus. Selbst Müller haderte mal, für alle sichtbar, mit Boateng. Draxler legte tatsächlich einen Hackentrick hin, bei dem der Ball abhandenkam. Immer wieder ließen sich Spieler in 50/50-Situationen fallen in der Hoffnung auf den Weltmeisterbonus, der ihnen aber zurecht nicht zuteilwurde. Der Weltmeister war an diesem Tag ein satter, fetter Kater.

Aber nicht nur auf dem Platz gab der Weltmeister nicht das allerbeste Bild ab. Hummels beispielsweise sagte nach dem Spiel in eine Fernsehkamera, dass er intern "ein paar Dinge angesprochen" habe, die ihn gestört hätten, etwa die fehlende Absicherung. "Doch dies wurde nicht umgesetzt", und er fühle sich mit Boateng alleine gelassen. Damit hat er völlig Recht, einerseits. Bloß, muss man deswegen als Abwehrspieler derart ins Rudern kommen und so oft falsch nach vorne verteidigen wie er?

Joachim Löw und der George-Bush-Trick

Und Kroos rekapitulierte die Taktik der Mexikaner, die gewusst hätten, wem aus dem deutschen Team der Raum einzuengen sei, und wem man "Platz lassen konnte". Das könnte ein kleiner Gruß an Khedira gewesen sein, der nicht wie Kroos gedeckt wurde und trotzdem keine Wirkung erzielte. Am Ende erweist sich der Slogan "zsmmn" als unfreiwillig zutreffend. Irgendwas fehlt der Mannschaft, vielleicht ist sie nur eine Mnnschft.

Als Joachim Löw zur Pressekonferenz erschien, grüßte er ins Publikum mit dem Zeiger, zeigte also wahllos auf irgendjemanden im Publikum und zwinkerte ihm zu. Der George-Bush-Trick. "Wir müssen versuchen zu ergründen", sagte er dann, "woran es gelegen hat". Das klingt ein wenig ratlos. Oder wohlwollend gegenüber Löw ausgelegt: Er ließ sich von der Niederlage nicht aus der Ruhe bringen.

Es gab ja auch ermunternde Zeichen. Trotz dieser schwachen Leistung hätte die deutsche Elf das Spiel nicht unbedingt verlieren müssen. Sie traf Pfosten und Latte und entfachte eine Druckphase gegen Spielende. Außerdem erfrischten die eingewechselten Nichtweltmeister Marco Reus und Julian Brandt. Überhaupt war es ja bloß das erste Spiel, selbst Platz 1 in der Gruppe ist noch drin.

Doch passte Löws lockerer Eindruck nicht ganz zu dem unlockeren Geschehen in den neunzig Minuten zuvor. Steigert sich die Elf nicht deutlich, fliegt sie bald raus. Die Frage, ob er seinen Plan umwerfe, verneinte er. Und auf die Frage, ob er sich Sorgen mache, in der Vorrunde auszuscheiden, sagte Löw, der im aktuellen Spiegel als Wiedergänger Angela Merkels porträtiert wird, tatsächlich: "Wir werden das schaffen."

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