Nein, an Mesut Özil lag es nicht. Im Spiel gegen Südkorea war er einer der Besten. Er hatte die zweitmeisten Ballkontakte, spielte die zweitmeisten Pässe und brachte seine Mitspieler gleich siebenmal in Situationen, in denen sie ein Tor hätten schießen können, so oft wie kein anderer deutscher Spieler. Am schönsten deutschen Spielzug der Partie, ja eigentlich des gesamten Turniers, war Özil ebenfalls beteiligt, Timo Werner schoss aber daneben. Die beste deutsche Chance, ein Kopfball von Mats Hummels kurz vor Schluss, der zum Schulterball wurde, resultierte aus einer Özil-Flanke.

Das sind die Fakten. Doch um die scheint es nicht mehr zu gehen. "Özil raus" ist während dieser WM zur Standardparole geworden, egal ob auf Social Media oder am Stammtisch. Nicht nur AfD-Politiker und Mario Basler haben sich den Gelsenkirchener schon längst als Sündenbock herausgepickt. Sie offenbaren damit nicht nur fußballerische Ahnungslosigkeit, sondern scheinen auch große Freude daran zu haben, das Land auseinanderzudividieren.

Es geht dabei längst nicht um Sport, sondern um die klammheimliche Freude, dass eine deutsche Nationalmannschaft, in der die Kinder von Einwandererkindern schon länger eine wichtige Rolle spielen, auf die Nase fällt. Die Türken sind schuld. So einfach kann es sein.

Damit nicht genug, wird mancherorts in das deutsche WM-Aus ein hanebüchener, politischer Zusammenhang hineinfantasiert. "Deutschland braucht einen Neuanfang ohne Jogi Merkel", fordert etwa der Frühstücksfernsehmann Claus Strunz. Jogi Merkel, tatsächlich. Ein Populismus, der verfängt. "Deutschland im Arsch! Löw und Merkel weg!", brüllte einer am Donnerstagmorgen durch die Straßen Berlins.

Natürlich gibt es Parallelen zwischen Angela Merkel und Joachim Löw. Der Bundestrainer ist hin und wieder im Kanzleramt zu Besuch, die Kanzlerin ballt ab und an auf der Ehrentribüne die Fäuste. Beide mögen sich, sind sich ähnlich und etwa zur selben Zeit in ihr Amt gekommen. Beide sind auch eher leise Typen und demonstrieren eine Gelassenheit gegen die manche Stoiker als hyperaktiv erscheinen.

Und natürlich ist Sport politisch. Das soll er auch sein, er ist es noch viel zu selten. Ein Wort von einem großen Spieler rund um das Thema, warum eine WM eigentlich in diesem Russland stattfindet, hätte eine größere Wirkung als ein Dutzend kluger Leitartikel. Auch spiegeln sich im Sport gesellschaftliche Tendenzen. Die deutsche Nationalmannschaft ist ein Abbild des bunten Landes, in dem wir leben. Wie könnte sie es auch nicht sein?

Umgekehrt aber sportlichen Erfolg oder eben Misserfolg auf die Politik oder den Zustand eines Landes zurückzuführen, ist absurd. Es ist nur Fußball, Freunde.

Dass das deutsche Vorrundenaus zeitlich genau auf die Regierungskrise im Land fällt, ist Zufall. Warum die Folgen der Flüchtlingsfragen daran schuld sein sollen, dass Julian Brandt den Ball nur an den Pfosten schießt, müsste mal jemand erklären. Auch was ein vermeintlich gespaltenes Land dafür kann, dass Joshua Kimmich zu oft seine Position verlässt.

Die Fotos von Mesut Özil und İlkay Gündoğan mit Recep Tayyip Erdoğan waren nicht sehr schlau, ihr Schweigen danach darf selbstredend kritisiert werden. Wer aber wirklich glaubt, die Debatte um diese Bilder hätte Auswirkungen auf das Spiel auf dem Platz, der weiß nicht, wie eine Fußballmannschaft tickt. Fußballer überlegen vor allem, wie sie am ehesten in des Gegners Strafraum gelangen, oder denken höchstens noch daran, die Playlist mal wieder zu aktualisieren, damit die Markenkopfhörer was zu tun haben. Was kein Vorwurf ist, sie sollen halt Fußball spielen.

Vom WM-Aus auf politische Gleichzeitigkeiten, etwa einen Abschied von Angela Merkel, zu schließen, ist nicht nur dumm, sondern auch gefährlich. Es macht unwichtige Sachen wichtig und wichtige unwichtig. Ob die deutsche Fußballnationalmannschaft das Achtelfinale erreicht, mag Millionen Menschen emotionalisieren, ist aber eigentlich Wurst. Ob eine Einigung auf dem EU-Gipfel gelingt oder nicht, hat konkrete politische Auswirkungen, die wohl jeder Bürger spüren wird. Eigentlich also müsste der EU-Gipfel live auf der Fanmeile übertragen werden.

Dass das nicht passiert, dass viele Menschen Fußballer für wichtigere Symbole ihres Landes halten als ihre Politiker, hat damit zu tun, dass der Sport in den vergangenen Jahren zu sehr überhöht wurde. Der DFB hat mit seinem Gerede, die vierte Macht im Staate zu sein, dazu beigetragen. Wir Medien auch. Diese Entfremdung, den Größenwahn hinter dem Markenkonstrukt "Die Mannschaft" spürt der normale Fan. Im Fall des Misserfolgs wie jetzt können Populisten mit diesem Gefühl spielen.

Vielleicht also tut es ganz gut, wenn alle mal ein wenig Luft aus dem Fußball lassen. Kein Brennpunkt nach einem verlorenen Spiel. Keine albernen Hashtags wie #Bestneverrest und #Zsmmn. Kein Deutschland-Duschgel. Alle mal ein wenig runterkommen. Es ist wirklich nur Fußball.